Leseforschung Schmökern und skimmen

Noch nie wurden so viele Texte konsumiert wie heute - auf Papier und am Bildschirm. Wie die Digital­isierung das Lese­verhalten verändert.

Interview von Jutta Pilgram

Menschen lesen nicht weniger als früher, aber sie lesen anders - und andere Texte. Was das für die Konzentrationsfähigkeit beim Lernen bedeutet, untersucht Sascha Schroeder, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Göttingen.

Kann man lernen, schneller zu lesen?

Bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass man die Lesegeschwindigkeit durch Schnelllesetrainings erhöhen kann. Es gibt einfach große Unterschiede bei der Geschwindigkeit: Manche Menschen lesen einen Text in fünf, andere in zehn oder in 15 Minuten, bei gleichbleibender Verständnistiefe. Solche Unterschiede zeigen schon Grundschulkinder. Manche verarbeiten Sprache eben leichter, so wie einige Kinder schneller oder langsamer sind, vorsichtiger oder draufgängerischer.

Welchen Sinn haben dann diese Schnelllesetrainings?

Man kann lernen, effektiver zu lesen. Jeder kann locker sein Tempo um zehn bis 20 Prozent steigern, indem er sich ein bisschen ranhält, so wie man auch etwas zügiger gehen kann. Und man kann Skimming lernen, eine Strategie, auf der letztlich alle Schnellleseverfahren basieren. Man überfliegt einen Text zunächst, um dann zu entscheiden, ob er überhaupt relevant ist. Das bedeutet aber nicht, dass wir ihn damit schon tiefenverstanden hätten. Es ist sinnvoll, unterschiedliche Lesestrategien zu lernen. Doch es stimmt nicht, dass man nach einem solchen Training wundersamerweise plötzlich viel mehr Kapazität im Kopf hat und mehr Stoff pro Sekunde schafft. Die Kanalkapazität bleibt die gleiche. Es gibt einen Grund, warum wir so lesen, wie wir lesen. Wir brauchen diese Zeit.

Die Textmenge, die wir im Schnitt pro Tag und Kopf konsumieren, ist enorm gestiegen. Ist das oberflächlichere Lesen deshalb nicht geradezu notwendig?

Tatsächlich gab es keinen Zeitpunkt in unserer Kulturgeschichte, zu dem wir so viel gelesen haben wie im Moment. Das liegt daran, dass wir zusätzlich zum klassischen Buch viele Kontakte haben, die schriftvermittelt ablaufen, etwa per E-Mail oder Whatsapp. Verändert haben sich die Art des Lesens und die Art der Texte. Daher müssen sie auch anders gelesen werden. Entscheiden zu können, was angemessen ist, also wann man sich tiefer auf einen Text einlässt und wann man ihn nur überfliegt, ist eine wichtige Metakompetenz.

Gibt es Erkenntnisse darüber, ob sich unsere kognitiven oder intellektuellen Fähigkeiten verändern, wenn wir von früh auf an Wort- und Tonhäppchen gewöhnt werden? Wird das Vertiefen und längere Durchdenken bald nicht mehr gelernt?

Wenn wir ehrlich sind: Wir wissen noch nicht genau, welche langfristigen Wirkungen das haben wird. Die einen schreien: Ja, die Jugend kann sich nicht mehr konzentrieren, weil sie dauernd incentive-getrieben von einem Kick zum nächsten springt. Das ist die kulturpessimistische Seite. Die andere Seite betont die Vorzüge: So viele Informationen wie heute hatten wir noch nie, früher brauchte man die Encyclopädia Britannica im Haushalt, heute hat man Wikipedia. Jeder technologische Wandel wurde von Untergangsszenarien begleitet, das Kino, das Fernsehen, der Computer. Mich beunruhigt das nicht. Wir müssen uns an die neuen Technologien anpassen und ihre Stärken und Schwächen herausfinden.

Ist das überhaupt zielführend, immer die Lektüre von Papiermedien mit dem Lesen am Bildschirm zu vergleichen?

Nein, eigentlich ist es ein unfairer Vergleich. Man weiß zwar inzwischen, dass es bei narrativen Texten keinen Unterschied macht, ob man sie auf Papier oder auf dem Tablet liest. Bei Informationstexten, die man unter Zeitdruck liest, kann es aber einen Unterschied machen. Doch wie wird das untersucht? Man nimmt den gleichen Text wie auf Papier und spielt ihn auf dem Bildschirm ab. Dabei ist das eine sehr beschränkte Art, digitale Texte zu nutzen. Sie leben ja gerade davon, dass man mit ihnen andere Dinge machen kann als mit Texten auf Papier, also dass man das Design verändern, die Schriftgröße variieren, hin und her switchen und verschiedene Medien kombinieren kann - alles Möglichkeiten, die das klassische Buch nicht hat.

Auf einem digitalen Gerät zu lesen, bedeutet jedoch auch, dass man immer abgelenkt wird - von Bilderstrecken, Grafiken, Videos, beweglicher Werbung.

Ja, die Umgebungen, in die Texte eingebettet werden, sind nicht immer optimal, gerade für Leute, die nicht so gut fokussieren können. Das ist eine zusätzliche Erschwernis, doch sie ist nicht inhärent.

Das heißt, man könnte ein Tablet auch ohne diese Ablenkungen einrichten und ebenso konzentriert lesen wie ein Buch?

Ja. Aber beispielsweise beim Lesen von Webseiten kriegen sie die Ablenkungen nicht so leicht weg, solange sie kommerziell sind. Das geht aber ohne weiteres für schulische Software. Doch auch hier gilt: Was ablenkt, könnte gleichzeitig ein Vorteil sein. Im digitalen Zeitalter ist es möglich, dass der Text auf den Leser zugeht. Früher musste der Leser immer auf den Text zugehen, man musste den Leser stark machen, dass er den Text versteht. Bald werden wir dynamische Texte haben, die dem Leser, der sich schwertut, Erläuterungen anbieten oder den Stil vereinfachen.

Wer etwas gründlich lesen will, druckt sich häufig den Text immer noch aus. Gerade im Job werden wichtige Dokumente oder Briefe auf Papier versandt. Ist das nur Tradition oder Gewohnheit?

Eine Mischung. Teilweise ist es Gewohnheit, teilweise sind es juristische Vorgaben. Doch das verändert sich gerade. Und es hängt auch mit persönlichen Vorlieben zusammen: Wenn man etwas ausgedruckt hat, liegt das da und will gelesen werden.

Das Buch oder der Stapel Papier, die dort liegen, haben durch ihre räumliche Ausdehnung eine größere Autorität?

Ja. Wir alle neigen dazu, uns etwas herunterzuladen oder ein Bookmark zu setzen, wenn wir etwas noch lesen wollen - und wir kommen da nicht hinterher. Aber ähnliche Phänomene gab es auch in der Buchwelt. Ich habe mir immer mehr Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen, als ich lesen konnte. So ähnlich ist es im digitalen Zeitalter, es fällt nur ein bisschen leichter, die Textmenge zu ignorieren und zu löschen.