Karriere in der Politik Eine Abgeordnete wird gefragt und gehört

Luise Amtsberg steckt sich eine Zigarette an und sagt: "Reden halten macht mich immer noch nervös." Die 32-Jährige ist flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen aus Schleswig-Holstein, trägt Lederjacke und Stretch-Mini. Es gehe ihr um Gerechtigkeit sagt sie, deshalb sei sie hier.

Wenn sie am Pult vor dem großen Bundesadler gegen die Sammelabschiebungen von Afghanen spricht, blickt sie nicht dorthin, wo sowieso genickt und geklatscht wird. Amtsberg lenkt ihre Worte zum politischen Gegner, der CDU. "Der ­Bundesinnenminister hat die Abschiebung als 'richtig', '­verantwortungsvoll' und 'behutsam' betitelt." Dann dreht sie sich zu ihm um, Thomas de Maizière sitzt hinter ihr auf der Regierungsbank: "Ich frage Sie, Herr Minister, sprechen wir von demselben Vorgang?" De Maizière schaut von seinem Smartphone auf, wenigstens für ein paar Sekunden.

Die Frauenquote bringt bisher wenig

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Misst man Amtsberg an der üblichen Konfektionssprache von Politikern, redet sie ungeschliffen. Sie wehrt sich bis ­heute gegen den Rhetorikkurs, zu viele Teilnehmer hat sie "komisch wieder rauskommen sehen". Wird sie an einem afghanischen Schicksal konkret, vergaloppiert sie sich schon mal mit Formulierungen. Erzählt sie auch zum hundertsten Mal von der Begegnung mit der syrischen Flüchtlingsfamilie auf Idomeni, füllen sich ihre Augen jedes Mal wieder mit Tränen. Man nimmt ihr ab, dass sie "die Menschen", von denen Politiker immer sprechen, tatsächlich meint.

Dafür ging sie zu Illner, zu Will und Plasberg - Bühnen, für die sie allen Mut sammeln musste. Die Scheinwerfer sind nicht ihr Ding, der große Druck vor öffentlichen Auftritten auch nicht. "Das darfst du jetzt nicht versauen, Millionen Menschen schauen zu", ging es ihr nachts durch den Kopf, als sie nicht einschlafen konnte.

Nach den Auftritten hagelte es Post von besorgten Frauen. Amtsberg sehe doch gut aus, scheine nicht ganz dumm, wa­rum kümmere sie sich denn nicht lieber um ihren Mann? Die zornigen, weißen Männer drohten lieber. Am Laternenpfahl solle man sie aufhängen. Mache sie so weiter, werde man sie tot am Rande eines Kornfelds finden. Und manche machten die Ideengeber: "Wenn du die Marokkaner alle so toll findest, dann lass dich doch von denen vögeln." Wählerfeedback kennt keinen Knigge. Doch der Hass und die Verachtung machen sie nur sicherer, auf der richtigen Seite zu stehen. Für Angst ist kein Platz.

"Das geht nur in meiner Funktion"

Für Familie schon. Seit einem Jahr ist Amtsberg Mutter, seitdem macht sie nur noch zwei Abendtermine die Woche, beim Frühstück zwischen 8 und 9 Uhr ist das Handy aus; das Wochenende gehört der Familie. Ein schlechtes Gewissen, weswegen? Der Beruf ist wichtig, aber nicht alles in ihrem Leben. Sie weiß, dass sie damit nicht zur Frontfrau taugt, aber der Sitz auf der Hinterbank gefällt ihr, sie will nicht zu allem etwas ­sagen müssen. Lieber stellt sie den Fokus auf ein Thema, ihr Engagement für Flüchtlinge.

Nach der Rede gegen die Sammelabschiebungen, ruft eine junge Afghanin an und sagt: "Danke, dass du für meine Landsleute gesprochen hast." Das Gleiche tat ein Professor aus ­Istanbul. Ihm hilft sie im Rahmen des Programms "Parlamentarier schützen Parlamentarier", das sich international für verfolgte Politiker und Intellektuelle einsetzt. "Das geht nur in meiner Funktion." Als Abgeordnete wird sie gefragt und ­gehört. Ihr Handeln hat Wirkung.

Diese kleinen, unscheinbaren Erfolge geben Amtsberg das Gefühl, sie mache einen Unterschied, der wichtig ist. Manchmal profitieren davon nur wenige, manchmal ist es nur ein ­einziger Mensch - für Luise Amtsberg ist das kein "nur".

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