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Jobwechsel:Wege aus dem falschen Beruf

Jeder siebte Deutsche ist überzeugt davon, nicht den richtigen Beruf zu haben. Doch Branchen- und Positionswechsel sind heutzutage ein großer Schritt, weil die Spezialisierung immer stärker geworden ist. Dennoch können sie gelingen. Karriereberater, Arbeitsagenturen und Volkshochschulen helfen dabei.

Auf den ersten Blick war er ein aussichtsloser Fall: Geisteswissenschaftler ohne festen Job, Mitte 30, Orchideenfach. Winfried Fischer (Name geändert) hatte nach dem Studium feststellen müssen, dass kein Unternehmen an einem Sinologen ohne Wirtschaftskenntnisse interessiert war. Er machte ein Verlagsvolontariat und schaffte es immerhin zum Lektoratsassistenten. "Ich wollte aber nicht immer nur abgelehnte Manuskripte zurückschicken", sagt er. Fischer kündigte und arbeitete eine Zeitlang als Dozent für Deutsch als Fremdsprache, aber das schmale Gehalt reichte kaum zum Leben. Ein Freund gab ihm den Tipp, es mit einer Karriereberatung zu versuchen.

Entscheidung

Vielleicht doch was anderes machen? Den Beruf zu wechseln, ist ein großer Schritt, aber er kann durchaus gelingen.

(Foto: iStock)

Wenn ich die Leute mehrere Stunden lang gezielt befrage, kommen sie auf ganz andere Ideen", sagt Irmgard Reule. Das Spezialgebiet der Ulmer Karriereberaterin ist das Outplacement von Managern. Aber auch der ratlose Sinologe Fischer fand mit ihrer Unterstützung doch noch einen gangbaren Berufsweg. "Der Charakter einer Person ist wichtig", sagt Reule. "Dieser Klient war sehr intelligent und hartnäckig genug, um ein Ziel auch unter Schwierigkeiten zu erreichen."

In den Gesprächen kristallisierte sich heraus, dass ein Job in der Wirtschaft doch das Richtige für Fischer sein könnte. Allerdings musste es ein Unternehmen sein, mit dessen Zielen er sich identifizieren konnte. Fischer hatte immer großes Interesse an Umweltschutzthemen gehabt. Er schickte eine Blindbewerbung an einen Hersteller von Solarkomponenten und wurde sofort als Management-Assistent eingestellt. Nebenher begann er ein MBA-Studium. "Ich habe dann gemerkt, dass mir Zahlen großen Spaß machen", sagt er. Das Unternehmen wuchs stetig, Fischer machte seinen MBA und stieg zum Controller auf.

Die Maschinenbau-Ingenieurin Christiane von Burkersroda wagte mit 37 Jahren einen Neuanfang, obwohl sie eine gute Position bei einem großen Chiphersteller hatte. "Ich war nicht unglücklich, fragte mich aber: Will ich das noch fast 30 Jahre lang machen?" Wegen dieser Lustlosigkeit lehnte sie mehrere Angebote ab, im Konzern aufzusteigen.

Durch eine Beratung wurde ihr klar, dass sie aus ihrer Begeisterung für Gärten und ihrem Talent zur Planung einen neuen Beruf machen könnte. Zusammen mit Reule setzte sie den Zeitpunkt der Kündigung fest und entwickelte Strategien zur Kundenakquise. Seit fünf Jahren arbeitet Burkersroda erfolgreich als freiberufliche Gartendesignerin in München. Den Wechsel hat sie nie bereut: "Wenn ein Garten so geworden ist, wie ich ihn mir vorgestellt habe und die Kunden glücklich sind - das ist eine unmittelbare Anerkennung, die man in einem Konzern so nicht erlebt."

Nach einer Studie des Personaldienstleisters Kelly Services ist jeder siebte Deutsche überzeugt davon, den falschen Beruf zu haben. Der Beratungsbedarf zum Thema Umorientierung ist also groß. Dabei geht es aber keineswegs immer um einen völligen Neustart, denn die meisten Berufsfelder sind breit: Ein Physiker kann aus der Wirtschaft an eine Universität wechseln, ein Mediziner vom Krankenhaus in eine Behörde.

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