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Integration an Schulen:"Sie vertrauen mir, weil ich Türke bin"

In Deutschland hat jeder vierte Schüler einen Migrationshintergrund - aber nur jeder hundertste Pädagoge. Einwanderer-Lehrer sollen für eine bessere Integration sorgen.

Wenn Ayfer Sever vor einer neuen Klasse der Spreewald-Grundschule im Berliner Stadtteil Schöneberg steht, wird sie nicht selten mit ungläubigen Augen bestaunt. "Du bist Lehrerin? Wie hast Du das denn geschafft", lauten die Kommentare der Schüler, von denen an der Schule etwa 70 Prozent aus einer Zuwandererfamilie kommen.

Schule Migration, dpa

Schüler mit Migrationshintergrund: Nach dem Willen von Experten sollen mehr Lehrer mit ausländischen Wurzeln unterrichten.

(Foto: Foto: dpa)

"Kein Wunder", sagt die 42-jährige Sever, die seit 2005 an der Schule Mathe, Deutsch und Türkisch unterrichtet. "Viele Kinder sehen ihre Eltern oder Verwandten täglich putzen oder in die Fabrik gehen. Dass man trotz einer nichtdeutschen Herkunft in Deutschland etwas anderes werden kann, müssen sie erstmal begreifen."

Gute Vorbildfunktion

Um das zu fördern, sollen nach dem Willen von Experten mehr Lehrer mit ausländischen Wurzeln an deutschen Schulen unterrichten. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration hat mittlerweile jeder vierte Schüler in Deutschland einen Migrationshintergrund. Das trifft dagegen nur auf jeden hundertsten Lehrer zu.

"Zur Förderung von Integration sind Lehrer, die neben der deutschen auch eine andere Sprache und Kultur kennen, sehr wichtig", sagt Erhard Laube. Der Abteilungsleiter der operativen Schulaufsicht in der Berliner Bildungsverwaltung hat viele Jahre als Schulleiter an der Spreewald-Grundschule gearbeitet. In dieser Zeit hat er sich dafür eingesetzt, dass an seiner Schule auch Lehrer mit einer Einwanderergeschichte unterrichten. Zusammen mit Ayfer Sever sind das mittlerweile sechs von 35.

"Vor allem an Schulen in sozialen Brennpunkten haben Lehrer mit dem gleichen Hintergrund eine ganz hohe Bedeutung für die Schüler", sagt Laube. Ganz wichtig sei ihre Vorbildfunktion. "Die Kinder und Jugendlichen sehen, dass sie auch mit einem Migrationshintergrund und den damit verbundenen Problemen Lehrer werden oder überhaupt studieren können. Das motiviert."

Mittler zwischen Kulturen

Darüber hinaus seien Lehrer mit ausländischen Wurzeln in der Lage, bewusster bei Sprachproblemen zu helfen, die viele Kinder bei der Einschulung hätten. Und auch bei kulturellen Unterschieden könnten sie oft besser vermitteln.

Wenn die türkischen Eltern seiner Schülerinnen die Teilnahme am Schwimmunterricht oder an einer Klassenfahrt verbieten, besucht Musa Özdemir von der Haupt- und Realschule Eberhard-Klein in Berlin- Kreuzberg die Familie zu Hause. "Wir besprechen die Sache ganz in Ruhe bei einer Tasse Tee oder Kaffee. Am Ende geben die Eltern dann ihr O.k. Sie vertrauen mir, weil ich auch Türke bin."

Auf der nächsten Seite: Warum in den Bundesländern immer noch viel zu wenig für Schüler mit Migrationshintergrund getan wird.

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