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Start-ups:"Bei einem Pitch sitzen fast nur alte, weiße Männer"

"Wir fallen auf, aber darauf spekulieren wir auch absichtlich", sagt Ann-Sophie Claus (rechts). Gemeinsam mit Sinja Stadelmaier vertreibt sie Bio-Hygieneartikel.

In der deutschen Start-up-Szene sind immer noch deutlich mehr Männer unterwegs. Frauen tun sich schwer, Investoren von ihren Ideen zu überzeugen. Woran liegt das?

Falls es das Klischee eines Frauen-Start-ups gibt, dann sieht es so aus wie "The Female Company". Das Stuttgarter Unternehmen verkauft Bio-Tampons, Bio-Binden und Bio-Slipeinlagen im Abonnement, hat ein rosa-rotes Logo und eine Frauenquote von hundert Prozent. Ann-Sophie Claus, 27, weiß das Stereotyp für sich zu nutzen. Sie hat das Start-up vor knapp zwei Jahren gegründet - zusammen mit ihrer besten Freundin. Noch ein Klischee.

"Wir fallen auf, aber darauf spekulieren wir auch absichtlich", sagt Claus. Bei einem Pitch vor Investoren kamen die meisten Gründer im schlichten Anzug. Ann-Sophie Claus und Mitgründerin Sinja Stadelmaier hingegen trugen blutrote Hosen. Das Spiel funktioniert: Das junge Unternehmen hat bereits jede Menge Aufmerksamkeit von Kunden, Medien und Investoren auf sich gezogen.

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Gründerinnen

"Jungen Frauen fehlt es an Vorbildern"

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Gewissermaßen haben sich die Gründerinnen selbst als Marktlücke erkannt, denn nur gut 15 Prozent aller Start-up-Gründer in Deutschland sind weiblich. Das ist das ernüchternde Ergebnis des aktuellen Female Founders Monitors des Bundesverbands Deutsche Start-ups. "Eine riesige Schieflage", sagt Alexander Hirschfeld. Der Teamleiter Research des Verbands hält das Ungleichgewicht nicht nur aus Perspektive der Chancengleichheit für alarmierend: "Es gibt genauso viele talentierte Frauen wie Männer. Deswegen ist das auch ein wirtschaftliches Problem", sagt Hirschfeld.

"Uns fehlen die Frauen, die darüber reden, was sie Großartiges machen"

Warum gründen Frauen so viel seltener Start-ups? Der "Ruhr-Summit" in Bochum könnte eine Antwort geben. Auf der nach eigenen Angaben größten B2B-Start-up-Veranstaltung Deutschlands sitzen Ende Oktober fünf Frauen auf dem Podium und diskutieren ebendiese Frage. "Bisher hätten wir auf der Mainstage noch ein bisschen mehr Diversität gebrauchen können", kündigt der Moderator die Diskussion an. Bis dahin hatten sich auf der Bühne nur junge Männer das Mikrofon in die Hand gegeben. Auf der Agenda: IT-Security, Virtual Reality, Machine Learning, digitale Transformation - und die Gründerin als Ausnahme. Einige Zuschauer gehen, einige Zuschauerinnen kommen dazu.

"Das fängt schon strukturell in der Gesellschaft an", beginnt Janna Prager, Mitgründerin des Impact Hub Ruhr, auf der Bühne das Gespräch: "Mädchen werden erzogen, lieb und verantwortungsbewusst zu sein - Jungs hingegen sind laut und abenteuerlustig." Mut und Abenteuerlust seien aber Eigenschaften, die eine Gründerin brauche. Es sei wichtig, diese Rollenbilder aufzubrechen.

Auch Nora Breuker ist zum Ruhr-Summit nach Bochum gekommen. In den USA hat sie ihr erstes Start-up gegründet; seit Anfang dieses Jahres ist sie zudem als selbständige Beraterin tätig. Sie vermisst vor allem die weiblichen Vorbilder: "Man sieht ständig Männer, die Ted Talks halten und erfolgreiche Unternehmen führen. Uns fehlen die Frauen, die darüber reden, was sie Großartiges machen."

Frauen gründen nur 15 Prozent aller Startups in Deutschland. Ähnlich selten sind sie bei Events wie dem "Ruhr Summit" in Bochum.

(Foto: Jürgen Nobel)

Wenn es um Öffentlichkeit und Bühnenpräsenz geht, scheinen Frauen deutlich scheuer zu sein als ihre männlichen Kollegen. Es sei schwierig gewesen, überhaupt Speakerinnen für die Messe zu finden, erklärt der Veranstalter. Sind Frauen also weniger mutig?

Laut dem Female Founders Monitor greift diese Erklärung zu kurz. Nach seiner Definition ist ein Start-up ein Unternehmen, das jünger als zehn Jahre ist, signifikant wachsen will und sich durch eine innovative Technologie oder ein zukunftsweisendes Geschäftsmodell auszeichnet. Demnach gründen Frauen zwar selten Start-ups, ihr Anteil bei allgemeinen Existenzgründungen - inklusive aller selbständigen Tätigkeiten - hat sich in den vergangenen Jahren jedoch bei etwa 40 Prozent eingependelt. Eine weitere Befragung des Start-up-Verbands bestätigt, dass sich fast ebenso viele Frauen wie Männer vorstellen können, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Sie scheuen also nicht per se das Risiko der Selbständigkeit.

Woran liegt es dann? Ein Blick auf die Studienabschlüsse der Gründer macht eine Ursache deutlich: Nur 5,6 Prozent aller Gründerinnen haben einen Abschluss in Mathematik, Informatik oder Computerwissenschaften. Bei den Gründern sind es immerhin knapp 19 Prozent. Frauen, die gründen, kommen also selten aus dem Mint-Bereich - die Informations- und Kommunikationstechnik ist aber genau die Branche, in der die meisten deutschen Start-ups aktiv sind.

Zudem dürfe man die Netzwerkeffekte nicht unterschätzen, die es in jedem wirtschaftlichen Bereich gebe, sagt Soziologe Hirschfeld vom Start-up-Verband: "Man kennt sich, man kennt die relevanten Player und weiß, wer über Expertise verfügt." Wer Kontakte hat, der hat Chancen. Und Frauen sind noch nicht ausreichend vernetzt. Zwar gibt es immer mehr reine Frauen-Initiativen in der Szene; die Gründerinnen helfen sich gegenseitig. Diese Netzwerke seien aber nur dann zielführend, wenn sie wieder in die schon bestehenden Netzwerke eingeflochten würden, meint Hirschfeld.

Investoren bewerten weibliche Startups im Durchschnitt deutlich schlechter

Ein weiterer Knackpunkt sei die Finanzierung: "Wer wachsen will, braucht Kapital - und die meisten wichtigen Kapitalgeber sind eben noch Männer", sagt Hirschfeld. Gründerin Nora Breuker kann das bestätigen: "Bei einem Pitch sitzen fast nur alte, weiße Männer vor dir." In dieser Situation müssten sich Frauen doppelt beweisen: "Du musst nicht nur mit deiner Idee überzeugen, sondern auch zeigen, dass du als Unternehmerin wertvoll bist."

Tatsächlich bestätigt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, dass rein weibliche Start-ups in Deutschland eine um 18 Prozent geringere Chance haben, nach der Gründung Investorengelder zu akquirieren. Im Durchschnitt erhalte ein von Frauen geführtes Start-up demnach nur ein Drittel der Finanzierungssumme, die rein männliche Start-ups beziehen. Der Grund mitunter: Investoren bewerten Existenzgründerinnen schlechter. So schätzen sie den Wert von deutschen Neugründungen mit Männern an der Spitze im Schnitt 16,4-mal höher ein als den Wert von weiblich geführten Unternehmen.

"Das ist schon schockierend", sagt Breuker. Sie sieht aber eine kleine Mitschuld bei den Frauen, die oft zurückhaltender aufträten als Männer. Diese Vorsicht zeigt sich auch im Gründungsverhalten: So steht das schnelle Wachstum für Gründerinnen nicht so stark im Vordergrund, dafür ist ihnen Stabilität wichtiger als den Gründern. Auch die Motive, ein Start-up zu gründen, unterscheiden sich: Zwar spielen ökonomische Ziele für Frauen eine große Rolle, doch daneben treiben sie soziale Themen an - wirtschaftlicher Erfolg ja, aber sie möchten mit ihrem Unternehmen eben auch etwas Gutes bewirken.

Gründerinnen mit Kindern haben pro Woche neun Stunden weniger Zeit für die Firma

Für Ann-Sophie Claus, die Gründerin von The Female Company, eine Selbstverständlichkeit: "Mich wundert immer, dass Social Entrepreneurship ein Frauenthema ist. Das sollte doch in jedem halbwegs sozialen Menschen verankert sein." Der soziale Aspekt gebe jeder Gründungsidee Kraft, findet Claus.

Die Unternehmerin ist in der Start-up-Szene angekommen. Sie schätzt die Flexibilität des Gründerdaseins, auch mit Blick auf die Familienplanung. Zugleich sei das Thema Mutterschaft der größte "Pain Point", sagt sie. Die Ergebnisse des Female Founders Monitors bestätigen diesen Eindruck: Gründerinnen mit Kind gaben an, im Vergleich zu Männern wöchentlich neun Stunden weniger Zeit für ihr Unternehmen aufbringen zu können - weil sie parallel das "Unternehmen Familie" managen. Damit seien sie nicht weniger produktiv, im Gegenteil. Doch weniger Zeit bedeutet eben weniger Möglichkeiten.

"Das ist ein ultimativ präsentes Thema in meinem ganzen Gründerinnen- und Freundeskreis", sagt Ann-Sophie Claus. Die Gründerin ist jetzt 27 Jahre alt. Auch sie möchte irgendwann eine Familie haben, weiß aber noch nicht, wie das funktionieren soll: "Solange wir da das Gefühl haben, wir werden doch allein gelassen, wirkt das sehr begrenzend."

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