bedeckt München 25°

Elite-Unis in München:Das Elend der Massen

Täger: Interessant wird sein, was mit den Einnahmen aus den Studiengebühren passiert. Sie sind zwar zur Verbesserung der Lehre da, aber nicht als Alternative zur Personalfinanzierung. Darauf müssen die Studentenvertreter pochen, Herr Honesz.

Honesz: Das versuchen wir natürlich. Aber in einigen Fakultäten sind wir tatsächlich vor die Wahl gestellt, das zu akzeptieren oder aber auf zusätzliche Lehrkräfte zu verzichten. Ebenso stehen wir mitunter vor dem Dilemma, dem Ausbau von Räumen aus den Einnahmen zuzustimmen, damit die Lehre überhaupt stattfinden kann.

Zimmermann: Das geht eigentlich nicht. In unserer Kommission, die über die Verwendung der Gebühren nachdenkt, schlagen die Studierenden gemeinsam mit den Lehrenden vor, dass die Exkursionsmittel erhöht, die Bibliotheksöffnungszeiten verlängert oder Tutorenstellen eingerichtet werden. Ohnehin gehen etwas mehr als 50 Prozent der 500 Euro in die Lehre, der Rest wird für Verwaltung oder etwa Rücklagen verbraucht. Trotzdem lässt sich mit dem Restbetrag eine Verbesserung der Lehre erreichen, wenn auch keine großen Sprünge möglich sind.

SZ: Was könnten die Fächer denn tun, um die Situation in der Lehre zu verbessern?

Zimmermann: Sie sollten die Auswahl ihrer Studenten konsequent vorantreiben und nicht geeignete Kandidaten notfalls in den ersten Semestern auch verantwortungsvoll rausprüfen. Allein mit der Einführung eines Eignungsfeststellungsverfahrens ist die Zahl der potentiellen Studienanfänger, derer also, die sich zu dem Test anmelden, um 50 Prozent gesunken. Wir haben seit längerem Abbrecherquoten von rund 60 Prozent, was gesellschaftspolitisch nicht vermittelbar ist. Viele Studierende sind ganz offensichtlich nur deshalb an der Universität, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen. Sie interessieren sich überhaupt nicht für das Fach, das sie studieren. Und es fehlen ihnen oft die nötigen Schlüsselqualifikationen wie Textverständnis. Mit einer Auswahl ließe sich in vielen der Massenfächer die Zahl der Studierenden deutlich senken. Das hätte allerdings auch erhebliche gesellschaftliche Folgen.

Überspitzt gesagt, übernehmen die Universitäten ja in Deutschland noch die wichtige Funktion, einen Teil der jungen Leute von der Meldung der Arbeitslosigkeit fernzuhalten und ihnen sozusagen für ein bis zwei Jahre ein Refugium zu gewähren, in dem sie sich umorientieren und sich einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeit suchen können.

Täger: In der Soziologie machen wir die gleiche Erfahrung. Wir hoffen und gehen davon aus, dass das Eignungsfeststellungsverfahren unsere Abbrecherquote deutlich reduziert. Die Dozenten stellen eine steigende Motivation bei den Studenten fest. Und auch die Studenten selbst, so habe ich einer Befragung feststellen können, sehen das so. Sie akzeptieren die Verfahren.

Honesz: Das ist von Fach zu Fach sehr unterschiedlich. Die Politikwissenschaft beispielsweise hat nach Meinung der Studenten eine Eingangsprüfung, die das Wissen des Einführungskurses schon voraussetzt. Insgesamt stellt sich bei solchen Prüfungen die Frage, wozu dann noch das Abitur gut ist.

Täger: Die Abiturnoten sind nach wie vor der beste Prädiktor für den Studienerfolg.

SZ: Haben die Geistes- und Sozialwissenschaften angesichts der auf Naturwissenschaft und Technik ausgerichteten Elite-Euphorie denn überhaupt noch eine Lobby?

Zimmermann: Schwer zu sagen. Sie haben jedenfalls gute Chancen, sich in dem Elite-Programm der Exzellenz-Initiative zu positionieren, wenn man, wie jetzt wohl beabsichtigt ist, taugliche Förder-Formate schafft. Ein Forschungsverbund mit mehr als sechs Millionen Euro pro Jahr ist einfach zu groß und dürfte eher schlecht funktionieren. Ich koordiniere einen Schwerpunkt der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 900.000 Euro pro Jahr, zu dem insgesamt zwölf Forschungsprojekte gehören, daher weiß ich, wie schwierig es ist, schon eine solche Summe in einem Forschungsverbund zielführend einzusetzen. Bei überschaubaren Clustern steckt jedoch ein beachtliches Potential in den Geisteswissenschaften.

Täger: Die Geistes- und Sozialwissenschaften müssen aufpassen, dass sie am Ball bleiben angesichts des Zeitgeistes, der auf Ökonomisierung und Verwertbarkeit von Bildung setzt.

© Moderation: Martin Thurau<p>SZ vom 2.11.2006</p>
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB