Elite-Unis in München Das Elend der Massen

Überfüllte Hörsäle, unmotivierte Studenten, Personalmangel: Wie es an der Elite-Universität LMU zugeht.

Die erste Elite-Entscheidung ist gefallen, und vor allem in München ist der Jubel groß. Denn sowohl die Universität (LMU) als auch die Technische Universität (TU) gehören zu den insgesamt nur drei jetzt ausgezeichneten Hochschulen. Doch in die allgemeine Elite-Euphorie mischen sich kritische Stimmen: Wo bleiben die Geisteswissenschaften, die bei den ebenfalls prämiierten Forschungsverbünden kaum auftauchen? Und auch wenn die Exzellenz-Initiative in der Tat nur auf die Forschung abzielt: Wie ist es um die Lehre an den ansonsten notorisch kurzgehaltenen Hochschulen bestellt? Wie sieht es an der Elite-Universität LMU in den Hörsälen und Seminarräumen aus? Unter welchen Bedingungen arbeiten Dozenten und Studenten dort etwa in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die eine ganze Reihe der klassischen Massenfächer stellen?

Seit Oktober offiziell Elite-Uni: die Ludwig-Maximilians-Universität. Das Foto zeigt den Eingang in das Hauptgebäude.

(Foto: Foto: ddp)

Die SZ bat drei Experten - und Betroffene - zur kritischen Bestandsaufnahme: Maren Täger ist Bildungssoziologin an der LMU, Martin Zimmermann ist Professor für Alte Geschichte an der LMU und Studiendekan seiner Fakultät, Thomas Honesz schließlich studiert Germanistik und ist Asta-Referent für Hochschulpolitik.

SZ: "Die Elite in der Sardinendose" - so hat der Asta seine Erklärung zum Elite-Titel für die LMU überschrieben. Darin sind Sie zitiert: Es sei "verlogen", von einem attraktiven Umfeld zu sprechen. Welche Probleme haben Sie als Student, Herr Honesz?

Honesz: Die LMU platzt aus allen Nähten, sie ist nur für die Hälfte der heutigen Studentenzahl ausgelegt. Deswegen fehlen schlicht und ergreifend Räume. Und es fehlen die Dozenten, um die vielen Studenten durch das Studium zu bringen. Seminare mit 100 Teilnehmern - da kann keine wirkliche Mitarbeit zustandekommen. Nur ein Beispiel aus der Germanistik: Der Mediävistik-Einführungskurs ist wichtig, um das Fach überhaupt weiterstudieren zu können. Die Hälfte der Leute hat keinen Platz mehr bekommen in diesem Semester. Bei denen wird sich das Studium nun wohl verzögern - das ist ein unhaltbarer Zustand, nicht zuletzt angesichts der Studiengebühren, die wir vom kommenden Semester an zahlen müssen.

Täger: Die personelle Ausstattung der Hochschulen hat sich angesichts der steigenden Studentenzahlen in den letzten zehn Jahren bundesweit nicht verbessert. Das geht aus den Daten des Statistischen Bundesamtes hervor.

Zimmermann: Die Lage ist in den einzelnen Fächern durchaus unterschiedlich. Einige kleine Disziplinen in den Kulturwissenschaften haben keine Probleme mit hohen Studierendenzahlen, in der Geschichtswissenschaft, meinem Fach, ist die Situation angespannt, aber nicht katastrophal. Überall jedoch hat vor allem der Mittelbau durch die Sparmaßnahmen seit 2001 stark gelitten. Das stellt einige Fächer insbesondere beim Grundstudium vor große Probleme. Einen Teil der Lehre deckt die Universität zudem mit Lehraufträgen ab. Diese erhalten oft Nachwuchswissenschaftler, die unentgeltlich oder für sehr wenig Geld den Lehrbetrieb aufrecht erhalten. Hier kann man durchaus von Ausbeutung sprechen.

Honesz: Die Lehrbeauftragten in der Ethnologie haben im vergangenen Semester gestreikt. Ihre Lage muss schon reichlich hoffnungslos sein, dass sie ihre Verantwortung gegenüber den Studenten nicht mehr wahrnehmen.

SZ: Wird sich all das mit dem prognostizierten Anstieg der Studentenzahlen noch verschärfen?

Zimmermann: Natürlich. Aber bislang hat niemand eine Vorstellung davon, wie man damit tatsächlich umgehen soll. Stattdessen gibt uns die Politik ständig eine ganz andere Forderung mit auf den Weg. Die Hochschulen insgesamt sollen ihre Absolventenquoten erhöhen, bis auf 40 Prozent eines Jahrgangs. Das ist aus meiner Sicht ein völlig verfehltes Ziel.

Honesz: Gleichzeitig mit diesem Ansturm müssen die Hochschulen auch noch alle Studiengänge auf die Abschlüsse Bachelor und Master umstellen. Bei uns wissen die Dozenten nicht, wie sie dieses lehrintensive Programm bewältigen sollen.

Täger: Man muss versuchen, die verschiedenen Stränge der unterschiedlichen Reformen einmal im Zusammenhang zu sehen. Die Einführung der Studiengebühren sowie der Bachelor- und Master-Studiengänge gehört dazu, aber beispielsweise ebenso auch die neue Besoldung der Professoren, weil auf allen Seiten damit die Erwartungen an die Lehre immens wachsen. Und es kommen außerdem die Maßnahmen zur Qualitätssicherung, aufwändige Evaluierungen und Akkreditierungen, auch in der Lehre dazu.

SZ: Wie steht München im Vergleich zum In- und Ausland insgesamt da?

Zimmermann: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Wenn ich mit Kollegen in Dresden oder Münster spreche, höre ich für das Fach Geschichte von viel schwierigeren Situationen, von Hauptseminaren mit 100 Teilnehmern zum Beispiel. So etwas haben wir glücklicherweise an der LMU nicht.

Täger: Überfüllt sind die Seminare in der Soziologie auf jeden Fall.