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Bloggen als Business:Kann man davon leben?

Schreiben, wofür man sich begeistert, ganze Tage im Café vor dem Rechner vertrödeln - und davon gut leben. Das ist vermutlich der geheime Traum eines jeden Bloggers. Doch die Realität sieht in Deutschland anders aus. Laut einer Umfrage von 2013 verdienen zwar mehr als 70 Prozent der Blogger Geld - doch die Mehrheit bleibt unter 300 Euro pro Monat, nur ein Viertel der Befragten verdiente mehr als 500 Euro monatlich. Der Blick in den angloamerikanischen Raum jedoch zeigt: Da ist noch Platz nach oben. Fünf Blogger erzählen, wie sie Geld im Netz verdienen.

Von Christina Waechter

Die Mami-Bloggerin

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Nina Massek von frau-mutter.com (Bild: Anne Kreuz)

Nina Massek, 40

Blog: Frau-Mutter.com

Reichweite: 42 000 Unique User pro Monat

Verdienst: bis zu 10 500 Euro/Jahr

Ich komme ursprünglich aus dem PR-Bereich, wo ich mich auch schon ein bisschen mit Social Media beschäftigt habe. Als ich dann in Elternzeit mit meinem zweiten Kind war, wollte ich mich damit intensiver beschäftigen. Und Bloggen fand ich sowieso schon immer eine schöne Form, sich mitzuteilen und in Kontakt mit Gleichgesinnten zu treten. Wenn man den ganzen Tag mit seinem Baby zu Hause sitzt, kann man nämlich schnell vereinsamen.

Als ich vor vier Jahren den Blog gestartet habe, hat sich gerade die Entwicklung innerhalb der Blogosphäre geändert. Auf einmal fanden Firmen Social Media total wichtig und ich habe schnell Anfragen bekommen. Richtig Geld verdient habe ich aber erst nach zweieinhalb Jahren. Wie bei jeder Selbständigkeit dauert es eben seine Zeit, bis man sich etabliert hat. Vor einem guten Jahr habe ich mich dann selbständig gemacht als Bloggerin und Social-Media-Beraterin. Außerdem schreibe ich gerade mein erstes Buch, das hat sich auch aus dem Blog ergeben.

Meine Haupteinnahmequelle sind "Sponsored Posts" und Kooperationen - zum Beispiel Gewinnspiele und Produkttests. Ich war von Anfang an offen für Kooperationen, aber Geschichten erzählen stand immer im Vordergrund. Ich verdiene ja auch deshalb Geld, weil ich Content biete. Im Vergleich zur angloamerikanischen Blogger-Szene sind wir Deutschen Anfänger. Die haben alleine aufgrund ihrer Sprache eine viel größere Reichweite. Und in Amerika werden Werbung und Kooperation besser akzeptiert. Meiner Meinung nach ist es kein Ausverkauf, wenn man Geld verdient. Wichtig ist mir eine Kennzeichnung der Sponsored Blogs und das akzeptieren die Kunden mittlerweile auch.

Als Mama-Bloggerin stellt sich natürlich die Frage nach der Zukunftsperspektive und der Privatsphäre gleich mit. Ich habe zwei Kinder, die irgendwann in der Pubertät garantiert keinen Bock mehr darauf haben, dass ihre Mutter über sie schreibt. Das kann ich nicht bis zur Rente machen. Aber das Schöne ist, dass ich über meine Interessen schreibe und vielleicht geht es in zehn Jahren eben um meine Wechseljahre.

Die Modebloggerin (1)

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Julia Richter von apersonalstyle.com (Bild: Frank Bauer)

Julia Richter, 46

Blog: apersonalstyle.com

Reichweite: 3000 Unique User pro Monat

Verdienst: fast nichts

Ich verdiene mit meinem Blog kein Geld - zumindest nicht regelmäßig. Das liegt vor allem daran, dass ich keine beliebigen Werbebanner auf dem Blog sehen möchte. A personal style ist ja kein normaler Modeblog, sondern fast schon eine Sozialstudie. Ich porträtiere Menschen und ihren Stil - und zwar immer wieder über Jahre hinweg. Insgesamt zeige ich 14 Menschen, die ich alle paar Monate treffe und mit denen ich über ihr Leben, ihren Stil rede und darüber, was sich seit unserem letzten Treffen verändert hat. Man sieht jetzt schon, nach drei Jahren, wie sich meine Protagonisten ändern, wie manche Haarsträhnen grau werden, wie ein Ortswechsel oder ein neues Studium die Leute beeinflussen.

Diese Form der Nachhaltigkeit ist nicht einfach zu vermarkten. Natürlich möchte ich Geld verdienen mit dem Blog, ich muss ja von etwas leben. Im besten Fall wäre das eine Firma, die diese Art der Darstellung als Image nutzt und der Nachhaltigkeit, Tradition und Wertigkeit etwas bedeutet. Ein Beispiel für so eine gelungene Kooperation ist die zwischen Tiffany's und dem Blog Advanced Style, der das Outfit von alten New Yorkerinnen fotografiert. So etwas fände ich schön. Ich könnte mir auch Sponsored Posts vorstellen, also Beiträge, für die ein Kunde bezahlt, oder Produkttests, wenn es zu meinem Blog passt. Aber noch habe ich nicht den richtigen Partner gefunden, obwohl ich von PR-Firmen mit Angeboten zugeballert werde. Das liegt vor allem daran, dass ich bei einigen Rankings oben dabei bin, weil die Verweildauer auf meinem Blog bombig ist.

Es hat sich eher dahin entwickelt, dass mein Blog zu einer Art Sedcard geworden ist. Einige meiner Protagonisten wurden schon als Models für Werbekampagnen gebucht. Und auch für mich ist der Blog ein Portfolio geworden, durch das ich auch schon Aufträge für Foto-Jobs bekommen habe, obwohl ich ursprünglich aus einem anderen Bereich komme. Ich bin gelernte Modedesignerin und habe auch einige Jahre in dem Job gearbeitet, bevor ich Trendscout wurde. Ich habe für große Unternehmen in den USA europäische Mode- und Stoff-Trends beobachtet und den Designern Trendbücher zusammengestellt.

Der Job war toll, aber als meine Kinder kamen, konnte ich erst mal nicht weitermachen. Und wenn man in dem Bereich eine dreijährige Pause einlegt, dann sind sämtliche Kontakte kalt und man kann von vorne anfangen. In der Zeit habe ich mich ziemlich abgehängt gefühlt.

Als ich dann mit dem Blog angefangen habe, war das wie eine Befreiung. Da konnte ich etwas Komplexes schaffen und hatte eine Art Mappe, die ich der Welt präsentieren konnte. Momentan mache ich einen Post pro Woche, das bedeutet etwa fünf Stunden Arbeit. Ich treffe die Leute immer lange, rede mit ihnen, mache Bilder. Danach texte ich und nebenher promote ich den Blog auf Facebook und Pinterest.

Natürlich will ich populärer werden und wachsen. Gleichzeitig will ich mich nicht zu sehr verbiegen. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, mich von einer Agentur vermarkten zu lassen, die meinen Blog ohne Rücksicht auf Verluste pusht, nur um das Ranking zu erhöhen. Irgendwie gefällt mir das langsame Wachstum ja auch. Schnell ist nämlich nicht gleichbedeutend mit gut.

Der Tech-Blogger

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Alexander Olma von iPhoneBlog.de (Bild: oh)

Alexander Olma, 35

Blog: iPhoneBlog.de

Reichweite: 250 000 Unique User pro Monat

Verdienst: ca. 3000 Euro im Monat

Ich habe 2006 angefangen zu bloggen; als reines Hobby-Projekt neben dem Studium. Nach dem Abschluss habe ich noch eine Weile als freier Journalist gearbeitet, während mein Blog parallel immer weiter gewachsen ist. Und irgendwann stellte sich die Frage: Probiere ich es aus, von dem Blog zu leben oder lasse ich es? Seit 2010 ist iPhoneBlog.de mein Hauptberuf.

Mein Blog entstand, bevor das iPhone auf den Markt gekommen ist. Das Thema hat mich total gereizt und es gab sehr viel Material, über das ich schreiben konnte. Früher bin ich jeden Tag um 6 Uhr aufgestanden, um die Informationen aus den USA möglichst schnell online zu stellen. Seit ich vor einem Jahr Vater geworden bin, arbeite ich immer, wenn der Alltagskram aus dem Weg geräumt ist, aber dann auch bis gegen Mitternacht.

In den ersten Jahren konnte ich nicht mal in Urlaub fahren aus Angst, etwas zu verpassen. Mittlerweile mache ich Ferien, aber nur, wenn ich garantiert Zugang zum Netz habe.

Der Hauptteil meiner Arbeit findet hinter den Kulissen statt. Die meiste Zeit nimmt die Recherche in Anspruch und auch der administrative Kram ist mehr geworden, seit ich mich selbst um die Finanzierung meines Blogs kümmere. Bis 2013 habe ich mit Agenturen zusammengearbeitet, die Bannerwerbung auf meinem Blog verkauft haben. Damit habe ich letztes Jahr aufgehört, weil das für mich nicht mehr im richtigen Preis-Leistungs-Verhältnis stand.

Ich habe zwar vielleicht keine riesige Reichweite, aber meine Leserschaft ist einiges wert, weil ich eine ganz spezielle Interessengruppe anspreche. Ich habe jetzt jede Woche einen Werbepartner - und weil dieses Modell in Deutschland noch relativ unbekannt ist, muss ich viel Zeit investieren, um Firmen über dieses Modell aufzuklären.

In den ersten zwei Jahren habe ich bewusst auf Werbung verzichtet und auch brennende Blogposts zu dem Thema geschrieben. Aber wenn man acht bis zehn Stunden am Tag mit dem Blog verbringt, ist es schon schön, nicht nur mit Kommentaren honoriert zu werden. Seit 2010 lebe ich davon, wobei mein Einkommen, wie bei den meisten Freiberuflern, stark schwankt. Da muss man gut vorausplanen. Mein Plan für die Zukunft ist ganz einfach: so lange wie möglich weiter bloggen und mein eigener Chef sein - das finde ich wunderbar.

Die Mode-Bloggerin (2)

Antonia Wille von amazedmag.de (Bild: oh)

(Foto: Magnus Lechner)

Antonia Wille, 28

Blog: amazedmag.de zusammen mit Milena Heisserer und Amelie Kahl

Reichweite: 45 000 Unique User pro Monat

Verdienst: zu dritt ein mittlerer vierstelliger Betrag pro Monat

Mindestens zweimal pro Woche treffe ich mich mit meinen Kolleginnen im Büro. Dann entwickeln wir Themen, schreiben potenzielle Kooperationspartner an und beantworten Anfragen. Wir schauen, dass unser Blog zwei bis dreimal täglich aktualisiert wird. Insgesamt arbeite ich am Blog ungefähr 20 Wochenstunden neben meinen anderen Jobs.

Schreiben macht ungefähr die Hälfte der Arbeit aus, der Rest ist organisatorischer Kram: Steuer, Mails, Kooperationen, Kundenkontakt. Facebook und Instagram laufen nebenher mit, sind aber wichtig, um unsere Zielgruppe zu erreichen.

Momentan verdienen wir monatlich einen mittleren vierstelligen Betrag mit unserem Blog. Im internationalen Vergleich stecken wir damit absolut in den Kinderschuhen. Blogs wie The Blonde Salad der Italienerin Chiara Ferragni oder Kayture von Kristina Bazan aus der Schweiz machen Millionenumsätze und haben ganze Teams im Hintergrund.

Wir verdienen unser Geld durch Kooperationen, wie Advertorials und wir arbeiten mit Affiliatelinks. Das sind Links auf Shops - klickt der Leser auf den Link und kauft etwas in dem Onlineshop, erhält man eine Provision. Mittlerweile wissen Werbekunden Blogs zu schätzen. Wir sind schneller als Zeitschriften, haben ebenfalls eine große Reichweite und sind näher am Leser.

Unser Verhältnis von Sponsored Posts zu "echtem" Content ist ungefähr 30 zu 70. Wichtig ist uns, dass die Kooperation zu uns als Medium und Personen passt. Bei Blogger-Events und Reisen versuchen wir immer nachzudenken, welchen Mehrwert unsere Leser davon haben. Klar ist es super, ein Wochenende lang in ein Luxus-Hotel eingeladen zu werden, aber was bringt das dem Leser?

Es wäre schön, irgendwann hauptberuflich für den Blog zu arbeiten und vielleicht sogar unsere Redaktion erweitern zu können. Doch dieses Ziel ist noch in weiter Ferne. Erst mal haben wir jetzt angefangen, uns breiter aufzustellen. Wir geben Social-Media-Kurse für Leute, die mit dem Bloggen anfangen wollen. Denen rate ich immer dasselbe: Finde heraus, was du magst und bleibe authentisch. Klar kann ich heute völlig strategisch ans Bloggen rangehen. Ratschläge, wie man im Netz Geld verdienen kann, finden sich genug. Aber ich bin davon überzeugt, dass nur Authentizität und die Leidenschaft für das Thema einen weiterbringen. Mein anderer Tipp ist: einfach anfangen. Es ist genug Platz für alle da.

Die Lifestyle-Bloggerin

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Carolin Grävendieck von sodapop-design.de (Bild: oh)

Carolin Grävendieck, 33

Blog: sodapop-design.de

Reichweite: 23 000 Unique User pro Monat

Verdienst: nicht genug zum Leben

Ich bin Grafikerin und arbeite Vollzeit in einem Designbüro. Den Blog betreibe ich in meiner Freizeit, aber meine Chefs unterstützen mein Hobby - ich kann mich also auch mal während der Arbeitszeit darum kümmern. Aber die Hauptarbeit erledige ich nach Feierabend und am Wochenende. Ich arbeite ungefähr fünf bis zehn Stunden pro Woche daran, wobei das Schreiben sehr schnell geht, wenn ich ein Thema habe und mich dafür begeistere. Am längsten dauert die Recherche, gerade bei Do-it-yourself-Projekten.

Mit manchen Blogposts, wie beispielsweise dem über Stickbuchstaben, bin ich im Hintergrund wochenlang beschäftigt. Ich muss die Idee skizzieren, ausarbeiten und natürlich auch ausprobieren, ob das Ganze überhaupt umsetzbar ist. Dann kommt noch das Fotoshooting dazu. Da kommen bei einem Projekt schon mal 20 bis 30 Arbeitsstunden zusammen.

Geld verdiene ich durch Bannerwerbung und gelegentlich mit Affiliated Links, also mit einer Provision für verlinkte Produkte. Manchmal mache ich auch Sponsored Posts, aber nur, wenn ich hinter dem Produkt stehe und einen Mehrwert für meine Leser erkenne. Ich gebe meinen Werbepartnern keine Garantien für Seitenaufrufe oder Ähnliches. Ich glaube, das ist auch kein guter Gradmesser. Auch ein Blog, den nur fünf Leute lesen, kann eine gute Plattform sein, wenn er toll geschrieben und authentisch ist.

Heute bekomme ich fast täglich Anfragen von PR-Agenturen und Firmen. Oft sind auch recht unverschämte Mails dabei, wo man gleich merkt: Die schauen sich den Blog nicht mal an und suchen nur eine möglichst kostengünstige Werbeplattform. Meine Einnahmen reichen bei weitem nicht aus, um den Blog zu meinem Hauptberuf zu machen, aber das macht nichts. Ich will gar nicht davon leben, weil ich Angst hätte, dass mir dann der Spaß vergeht und ich aus der Not heraus meinen Blog mit Bannerwerbung für Online-Casinos und Partnervermittlungen zupflastern müsste. Der Blog ist mein Hobby, da will ich nichts machen, was sich nach Arbeit anfühlt.

© SZ.de
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