bedeckt München 27°

Berufe-Simulatoren für den PC:Arbeitsalltag ohne Karriere-Sorgen

Sie würden gerne mal einen Blinddarm herausoperieren oder ein Flugzeug fliegen? Oder einfach nur einen Linien-Bus lenken oder einen Acker pflügen? Berufe-Simulatoren machen's möglich - und sind sehr beliebt. Was Menschen dazu bringt, den Arbeitsalltag anderer nachzuahmen.

Der Bürgermeister von Sauberhausen hat dem Schmutz den Kampf angesagt. Das Kehrfahrzeug steht schon in strahlendem Orange in der digitalen Werkshalle. Gang rein, Bürste raus, Warnleuchte an, Wasserdüse auf: Mit Maus und Tastatur rücken PC-Spieler elektronischen Müllhaufen zu Leibe. Es ist die Welt des "Kehrmaschinen-Simulators".

'Getonboard' Flugsimulator in München, 2010

Mal ein Flugzeug steuern: Anspruchsvolle Berufe wie Pilot werden in der Regel in Simulatoren extrem simplifiziert.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Titel mag skurril sein, verkauft sich aber ordentlich - und befindet sich außerdem in großer Gesellschaft. Ob Busfahrer, Landwirt oder Holzfäller: Seit etwa drei Jahren sind Berufe-Simulatoren seltsam erfolgreich. Vor allem Tätigkeiten, die nicht gerade im Verdacht eines Traumberufs stehen, scheinen eine bizarre Faszination zu haben.

"Erleben Sie den realen Arbeitstag eines Straßenreinigers!", ist keine Drohung, sondern ein Werbeslogan. Und mit dem Müllabfuhr-Simulator kann man, so die Verkaufsbotschaft, "selbst Hand an Bio- und Restmülltonne legen" und den "schweren Job des Müllmanns" erleben. Das kommt gut an: In den Media-Control-Charts für Spiele bis 28 Euro belegen die meist günstigen Simulatoren regelmäßig Spitzenplätze. Ein wichtiges Erfolgselement vieler Programme sind große Maschinen. Besonders oft werden Berufe simuliert, deren Arbeitsplatz hinter dem Lenkrad ist. Ob Tank-, Liefer- oder Abschleppwagen, Lkw oder Pistenraupe: Es gibt kaum ein Führerhaus, das nicht digital besetzt werden kann.

Wer wollte als Kind nicht immer mal Traktor fahren oder einen Mähdrescher bedienen?", fragt Dirk Ohler, Leiter Produktmanagement von Marktführer Astragon, der unter anderem den Landwirtschaftssimulator entwickelt. Das Spiel, das in diesem Jahr den deutschen Entwicklerpreis in der Kategorie Simulation gewonnen hat, ist weltweit mehr als 1,5 Millionen Mal über den Ladentisch gegangen. Während Fernsehsender Bauern verkuppeln, projiziert der Landwirtschaftssimulator Vieh und Felder auf den Computerbildschirm. Kurz nach Sonnenaufgang die Milchkühe füttern, zwischendurch Gerste aus dem Silo verkaufen und am Nachmittag mit Traktor und Stalldungstreuer aufs Feld hinaus fahren - so sieht der entschleunigte Alltag in der Simulatorwelt aus.

Kindheitswünsche und Landlust mögen den Erfolg des Landwirtschaftssimulators erklären - was aber ist mit Programmen wie dem Kehrmaschinen-Simulator? "Wir haben intern bei diesem Titel in der Tat lange diskutiert", sagt Ohler. Am Ende habe man beschlossen, das Experiment zu wagen. "Für ein Nischenprodukt ist der Titel gut angekommen."

Warum das so ist, interessiert auch Christoph Klimmt. Der Professor für Publizistik beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Theorie von Computerspielen. Nach seiner Beobachtung weichen die Berufe-Simulatoren in einem wesentlichen Punkt von der üblichen Spielmechanik ab. "Fast alle Computerspiele funktionieren nach dem Leistungsprinzip", sagt er. "Bei den meisten Alltagssimulatoren ist das nicht der Fall." Während Spieler bei Autorennen immer besseren Zeiten hinterherjagen oder in Rollenspielen ihre Figur weiterentwickeln, ist das digitale Straßenfegen ein überaus kontemplativer Zeitvertreib - ohne Druck, Hektik und Highscore.

Skurrile Berufe

Mitarbeiter gesucht: Dick und hässlich bevorzugt