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Befristete Arbeitsverträge:Immer wieder die Luft anhalten

Lara, Angestellte in einer Münchner Werbeagentur, kann das überhaupt nicht nachvollziehen. Der 32-Jährigen wurde vor wenigen Wochen in Aussicht gestellt, dass ihr bis Ende August befristeter Vertrag entfristet werden könnte. Noch hat sie nichts schriftlich, doch allein die Aussicht auf ein geregeltes Arbeitsleben setzte in ihr eine bis dahin nicht gekannte Euphorie frei. "Vorher war ich völlig leer. Es war, als ob ich ständig die Luft anhalten musste, bis die nächste Vertragsverlängerung oder der nächste Job kam. Und dann ging es von vorne los. Die letzten Monate war die Kraft dann einfach raus. Ich hab mich jeden Tag zur Arbeit geschleppt, aber die Motivation war verschwunden. Seit ich weiß, dass mein Vertrag tatsächlich entfristet werden könnte, sprudle ich wieder vor Ideen - und hab einfach Spaß an der Arbeit."

Laufrad befristete Verträge

Immer weiter. Wer ständig der nächsten Vertragsverlängerung hinterherrennt, hat kaum mehr Zeit für soziale Kontakte, geschweige denn Familienplanung.

(Foto: dpa)

Eine normale Reaktion, wie Rigotti meint. "Als Druckmittel zur Motivation funktionieren befristete Verträge nicht, zu Höchstleistung spornen sie nicht an. Die ständige Unsicherheit und der Druck gehen zu sehr auf die Gesundheit", sagt er.

Diese Gefahr betont auch Arbeitspsychologe Frey. "Menschen, die Routine und Berechenbarkeit brauchen, sehen sich mit großen Ängsten und Kontrollverlusten konfrontiert, die mit Arbeitslosigkeit korrespondieren. Die Folgen sind psychosomatische Störungen, Schlaf- und Essstörungen, bis hin zur Depression." Wer immer auf Hochtouren läuft, um sich die nächste Vertragsverlängerung zu erkämpfen, kommt irgendwann an die Grenze der persönlichen Ressourcen.

Generation Flexibel

Trotzdem bietet die neue Arbeitswelt mit ihren Kurzzeitverträgen auch Chancen, wie die Arbeitspsychologen betonen. Gerade für Berufseinsteiger stelle die Unsicherheit meist keine große Belastung mehr dar, sagt Psychologe Frey. "Die Erwartungen der Generation, die jetzt ins Berufsleben einsteigt, passen sich relativ schnell an die neuen Realitäten an. Man weiß, es gibt keine lebenslange Stellung mehr", sagt er. Genau das biete auch Chancen. Die jungen Arbeitnehmer lernten so, sich breit zu qualifizieren.

Diese Meinung teilt auch Rigotti von der Universität Leipzig. "Wer immer wieder befristet bei verschiedenen Arbeitgebern tätig ist, der eignet sich eine breite Palette an Kompetenzen an." Gerade für flexible Berufseinsteiger ohne Familie sei das sogar attraktiv, weil sie auf lange Sicht ihren Marktwert erhöhen.

Keine Nerven für Familienplanung

Karin und Lara sind solche flexiblen Berufseinsteigerinnen ohne Familie - und sie werden es wohl auch noch eine Weile bleiben. "So lange ich nicht weiß, ob ich in einem halben Jahr noch einen Job habe, der mir auch für die kommenden Jahre ein Gehalt sichert, denke ich nicht groß über Familienplanung nach", sagt Lara. Dabei will sie auf jeden Fall Kinder - aber sie will auch, dass sie in einem stabilen Umfeld aufwachsen. Ein Umfeld, dass ihr beruflich fehlt.

"Natürlich erschwert die berufliche Unsicherheit die Familienplanung. Viele wollen erst mal sichergehen, dass sie finanziell abgesichert sind. Gleichzeitig gibt es aber auch die Tendenz, dass junge Leute angesichts der Unsicherheit im Beruf ganz auf Familie setzen", sagt Psychologe Frey.

Kaum mehr soziale Kontakte

Dennoch könnte die Zurückhaltung bei der Familienplanung Folgen für die gesamte Gesellschaft haben. Und nicht nur dieser Aspekt birgt Gefahren. Thomas Rigotti befürchtet auch eine negative Tendenz im sozialen Verhalten. "Wer immer nur von einem Vertrag zum nächsten hechtet, hat kaum mehr Zeit, soziale Kontakte zu pflegen, der zwischenmenschliche Umgang könnte darunter leiden", sagt er.

Karin hat sich vorgenommen, genau das nicht geschehen zu lassen. Trotz der ständig über ihr schwebenden Unsicherheit möchte sie künftig mindestens einen Abend in der Woche für ihre Freunde freihalten - und auf Überstunden verzichten. Ob sie das die Vertragsverlängerung kosten könnte, weiß sie nicht. Aber der Kampf darum soll sie nicht ihr Privatleben kosten. "Ich versuche einfach, im Hier und Jetzt zu leben, und mir nicht allzu viele Gedanken über die Zukunft zu machen", sagt sie. Immer gelingt ihr das nicht. Aber wenn sie schon in die Zukunft blickt, dann will sie jetzt immer nur an eines denken: ihren Urlaub. Irgendwann wird sie sich sicher genug fühlen, ihn tatsächlich zu nehmen.

© sueddeutsche.de/joku

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