Bearbeitungszeit von Online-Bewerbungen:"Das ist doch unwürdig"

Bis der Sieger durch die Ziellinie geht, bleibt das Verfahren offen, aber selten transparent. Bei der Daimler AG in Stuttgart hängt die Dauer eines Bewerbungsprozesses davon ab, welche Fachbereiche eingebunden sind und wie viele Kandidaten eingeladen werden. "Erst wenn unser Kandidat feststeht, werden die Absagen verschickt", sagt Daimler-Sprecherin Dominique Albrecht.

Das kann dauern. "Vom Eingang der Bewerbung bis zur Einstellung vergehen bei uns im Schnitt zehn bis zwölf Wochen", sagt Gerhard Lerch, Sprecher des Pharmakonzerns Merck. Etwa 25.000 Online-Bewerbungen zählt das Unternehmen pro Jahr in Deutschland, zwei Dutzend Mitarbeiter bearbeiten sie, jeder etwa tausend Stück pro Jahr. Dieselbe Abteilung ist zudem für die Besetzung der Führungspositionen in den 67 Niederlassungen weltweit sowie für die Betreuung der Expatriates verantwortlich.

Manche Unternehmen haben das Verfahren perfektioniert. Maximal zwei Wochen dauert es laut Manuela Ebbes-Barr, Director Recruiting Services bei der Bertelsmann AG, bis ungeeignete Bewerber eine Absage bekommen. Etwa 30 Recruiter befassen sich derzeit mit der Auswertung. "Wir liegen bei 60 Werktagen bis zur Einstellung, damit sind wir im oberen Mittelfeld", sagt sie. Die Bertelsmann AG gehört zu den drei besten von 600 getesteten Firmen-Karriereportalen, die Potentialpark untersucht hat. "Jeder Mitarbeiter, der Recruiting-Prozesse umsetzt, macht rund 5000 Bewerbungen pro Jahr. Wir sind sehr schnell, denn wir sind Experten, und wir garantieren jedem eine Antwort." Das sind rein statistisch 15,6 bearbeitete Bewerbungen täglich - mehr als 30 Minuten Bearbeitungszeit pro Bewerbung bleiben kaum übrig.

Markus Rasche von der DIS AG sieht die immer schärfere Standardisierung in der Personalauswahl kritisch. 94 000 Online-Bewerbungen sind 2010 bei der DIS AG eingegangen. In jeder der bundesweit 160 Niederlassungen arbeitet ein hauptamtlicher Recruiter, der ausschließlich Bewerbungen sichtet. Pro Jahr hat er rein statistisch 587 Bewerbungen zu betreuen, deutlich weniger als die Kollegen bei Bertelsmann oder Merck. "Überzogene Standardisierung lehnen wir ab. Manche Firmen pressen die Bewerber in ein solches Raster, dass das Instrument Online-Bewerbung ad absurdum geführt wird. Die Leute brechen frustriert ab, wenn es zu kompliziert wird. Online-Bewerbung ist ein gutes Tool - aber man kann es auch missbrauchen."

Madeleine Leitner hat solchen Missbrauch bei ihren Klienten schon erlebt: Zum Teil werde bei OnlineBewerbungen mit psychologischen Tests gearbeitet, Verhalten und Persönlichkeit würden weitgehend interpretiert und vorab bewertet. "Manchmal sage ich den Leuten dann: Seien Sie froh, dass es da nicht geklappt hat - das ist ja unwürdig."

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