Ausbildungsmessen:Auf Schnuppertour

Lernen Beilage SZ 16.3.2017

Spezielle Messen bringen Abiturienten in direkten Kontakt mit Hochschulen und Firmen. Präsent sind häufig nur Anbieter, die es sich leisten können oder müssen.

Von Benjamin Haerdle

Circa 18 000 Studiengänge an Hochschulen gibt es hierzulande nach Angaben des Centrums für Hochschulentwicklung in Gütersloh. Und um die 330 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe - laut dem Portal Statista. Wie soll man sich da nur richtig entscheiden? Vor dieser kniffligen Frage stehen jedes Jahr viele junge Menschen, spätestens wenn sie das Abiturzeugnis in der Hand haben. Antworten darauf versuchen viele von ihnen durch den Besuch von Bildungsmessen zu finden. Deren Vielfalt ist groß: Studienmessen wie "Bachelor and more" richten sich klar an Interessenten, die an eine Hochschule wollen. Andere sprechen mit ihren Angeboten auch solche Besucher an, die eine Ausbildung anstreben.

Sieben Mal pro Jahr lädt zum Beispiel die Messe "Einstieg" in Großstädte wie Berlin, München oder Frankfurt ein. Ungefähr 40 000 Schüler kamen Mitte Februar nach Hamburg, wo sich mehr als 360 Unternehmen, Hochschulen und sonstige Bildungsanbieter präsentierten. Die Schüler konnten Gespräche mit Ausstellern führen, Vorträge zu Berufsfeldern und Bildungswegen lauschen oder Kontakte zu Unternehmen und Universitäten aufbauen. Ein großes Angebot, das offensichtlich nottut, denn: "Die Anzahl der Berufe und der Studiengänge hat in den letzten Jahren enorm zugenommen", sagt Andrea Heiliger von der Einstieg GmbH. Dies habe sich zu einem Berufsdschungel entwickelt. Viele Berufe gebe es nicht mehr. Etliche Studiengänge hätten einen neuen, oft schwer verständlichen Namen oder andere Inhalte als früher. "Bildungsmessen können bei der beruflichen Orientierung helfen", sagt sie.

Manche Firmen, die man gar nicht auf dem Radar hatte, bieten reizvolle Perspektiven

Universitäten, Fachhochschulen und private Hochschulen nutzen gerne die Gelegenheit, um sich auf den Messen zu präsentieren. In Hamburg nahmen etwa 40 Hochschulen an der Messe teil. Die Universität Heidelberg, die sich dieses Jahr auf der "Einstieg" in Köln und Karlsruhe zeigt, sieht in der Präsentation auf Messen Vorteile. "Überregionale Messen sind wichtig, um gute und engagierte Studierende anzuziehen", sagt Verena Schultz-Coulon, Leiterin des Dezernats Studium und Lehre. Man werbe dort mit dem guten Ruf Heidelbergs als Forschungsstandort und der hohen Attraktivität der Universität und präsentiere neben der Fächervielfalt auch neue Studienangebote. Auch an der Universität Marburg ist man vom Nutzen der Messen überzeugt: "Sie bieten einen niedrigschwelligen Zugang zu Informationen über das Studienangebot sowie zum Beratungsangebot", sagt Johannes Scholten von der Stabsstelle Wissenschaftskommunikation der Uni Marburg. In der Regel gelinge die Kontaktaufnahme in diesem offenen, unverbindlichen Rahmen leichter, eine Terminvereinbarung sei oft nicht notwendig. Im Durchschnitt könne man an einem Messetag deutlich mehr Gespräche führen als in den üblichen Sprechstunden.

Dass eine Beratung der Jugendlichen hilfreich ist, davon ist auch Bildungsforscher Klaus Hurrelmann von der in Berlin ansässigen Hertie School of Governance überzeugt. "Eine qualitativ hochwertige und realistische Berufsorientierung ist wichtig, weil die Abbruchquoten in der beruflichen Ausbildung und im Studium hoch sind", sagt er. Studien kämen zu dem Ergebnis, dass circa ein Viertel der jungen Erwachsenen ihre Ausbildung oder ihr Studium nicht beendeten. Laut einer bundesweiten Erhebung der Vodafone-Stiftung aus dem Jahr 2014 hat nur etwa ein Drittel der befragten Schüler konkrete Vorstellungen, was sie nach ihrem Schulabschluss machen wollen. Etwa 20 Prozent wissen nicht, für welchen Beruf sie geeignet sind. "Viele junge Menschen, die an der Schwelle zum Berufseinstieg stehen, fühlen sich überfordert", konstatiert Hurrelmann. Eine Messe könne hilfreich sein, weil dort Menschen authentisch und nachvollziehbar aus ihrem Berufsalltag erzählten. Von Vorteil sei auch, wenn zum Beispiel Jahrgänge einer Klasse eine Ausbildungsmesse gemeinsam besuchten. "Man erreicht damit Schüler, die ansonsten schwer zu motivieren oder noch nicht so weit mit ihren beruflichen Plänen sind", meint er.

Auch die Firma Struss und Partner in Hamburg, die Schulabgänger, Studierende und junge Berufstätige zu Karrieremöglichkeiten berät, empfiehlt Messebesuche, wenn auch mit Einschränkung. "Messen sind hilfreich, wenn man genau weiß, in welcher Branche man arbeiten oder was man studieren möchte", sagt Geschäftsführerin Veronika Latzel. Wer zum Beispiel an einer privaten Schule Event-Management studieren möchte, könne auf den Messen Hochschulen identische Fragen stellen und dann vergleichen. Auch für eher phlegmatisch veranlagte junge Menschen sei ein Messebesuch passend, denn wer sich dort einen Termin bei einem Unternehmen geben lasse, stehe quasi in der Pflicht, diesen auch wahrzunehmen.

Die Messen sind aber nur eine Möglichkeit von mehreren, sich zu informieren. Was sie Schülern und Schulabsolventen nicht bieten, ist der Blick nach innen. "Wer bin ich, was habe ich für eine Persönlichkeit, was sind meine Stärken und Potenziale, auf diese Fragen sollten Schulabgänger antworten können, sonst könnte der Weg auf die Messe umsonst sein", sagt Latzel. Enttäuscht werde möglicherweise auch, wer sich erhoffe, Konkretes zu einzelnen Fächern wie etwa Studieninhalte oder Berufsaussichten zu erfahren. "Fachliche Inhalte werden auf Messen kaum vermittelt", weiß Latzel zu berichten.

Wissen sollte man auch, dass Bildungsanbieter und Firmen auf Messen nicht repräsentativ vertreten sind. Es sind meist jene am Ort, die sich die Standgebühren leisten können oder investieren müssen, weil sie neu am Markt sind oder um Studierende kämpfen. Allerdings birgt ein Messebesuch für Ausbildungssuchende auch so manch positive Überraschung, wenn sich dort die Abfallunternehmen, Zoll oder Bundesverwaltung präsentieren und gute Jobs mit guten Gehältern bieten - eher unglamouröse Arbeitgeber, die viele Jugendliche seltener auf dem Radar haben.

Wie realistisch präsentieren sich die Unternehmen? Klug, wenn Besucher sich diese Frage stellen

Die Bundesagentur für Arbeit sieht in den Bildungs- und Karrieremessen eine wichtige Ergänzung der beruflichen Orientierung. "Sie eröffnen Interessierten die Chance, in unmittelbaren Kontakt mit Bildungsanbietern und Arbeitgebern zu kommen", sagt Jürgen Spatz, Bereichsleiter der Berufsberatung. Fraglich ist, wie realistisch die Anbieter sich dort zur Schau stellen. Wie ist der Arbeitstag? Wie ist es um interne Karrieremöglichkeiten bestellt? Welche Weiterbildungsmöglichkeiten haben Arbeitnehmer? Es sei nicht auszuschließen, dass in Ausbildungen und Berufen, in denen Nachwuchsmangel herrsche, Eigenwerbung betrieben werde, sagt Spatz. Dass ein allzu schön gefärbtes Alltagsbild bei Jugendlichen verfängt, glaubt Bildungsforscher Hurrelmann nicht. "Die jungen Menschen erkennen es, wenn das nichts mit der Realität zu tun hat, da sie die Infos im Internet überprüfen", sagt er. Auf das Marktschreierische fielen sie nicht rein.

Messen für junge Leute setzen unterschiedliche Akzente. Darauf sollte man achten, bevor man eine ansteuert. Die folgenden Messen finden in verschiedenen deutschen Großstädten statt.

Die Bildungsmesse "Bachelor and more" richtet sich vor allem an Oberstufenschüler und Abiturienten, die studieren möchten. Hochschulen präsentieren sich dort mit Bachelor-Studiengängen aller Fachrichtungen: www.bachelor-and-more.de/bachelor-messen.

"Vocatium" ist eine bundesweite Fachmesse für Schüler, die nach der Ausbildung entweder eine Ausbildung oder ein Studium anpeilen: www.erfolg-im-beruf.de/vocatium.

Schüler der gymnasialen Oberstufe und Abiturienten, die Interesse an einem klassischen Studium, einem dualen Studium, einer Ausbildung oder an einem Auslandsaufenthalt haben, können sich auf der "Horizon" informieren: https://horizon-messe.de. Auch die Studien- und Ausbildungsmesse "Einstieg" lädt in diesem Jahr noch in verschiedene Städte ein: www.einstieg.com/messen.html

© SZ vom 16.03.2017
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