Angst vor Sprechstunden beim Professor:Zwischen Bestechung und Racheakt

Dabei steht gerade das Zwischenmenschliche im Zentrum der Begegnung. Während Studenten oft bangen, ist das Prozedere zumindest aus der Sicht von Dozenten mehr als unaufgeregt. Meist handelt es sich dabei um eine reine Routineangelegenheit, die primär dem Austausch von Informationen oder der Besprechung von Hausarbeiten dient. Das Ganze sei in der Regel "so spannend wie ein Besuch im Einwohnermeldeamt", wie ein Münchner Professor, der namentlich nicht genannt werden will, sagt.

Während durch das studentische Hirn penetrant die gedankliche Warnung "Sag nichts Falsches und gib dich klug" läuft, sorgt für Professoren vielmehr die nonverbale Kommunikation für Irritation. Bei Ratsuchenden sei oftmals ein regelrechter "Kampf um die Körperhaltung" zu erkennen, berichtet der Münchner Professor: "Männliche Studenten demonstrieren gerne ihre absolute Coolness, lümmeln sich in relaxter Attitüde auf das Sofa und nehmen nur mit Widerwillen ihre Kopfhörer ab."

Der Aktenkoffer als Barriereschranke

Auch auf die nicht unwichtige Frage, 'Wo setze ich mich hin?', kann der Professor antworten: Nicht zu nah und nicht zu fern. Denn wie der Wissenschaftler erzählt, kompensieren manche Studenten ihre Fluchtimpulse, indem sie sich auf den allerletzten Zentimetern der Sitzmöglichkeit platzieren und einen Sturz vom Sofarand riskieren. Manche Studentinnen neigten hingegen durchaus dazu, einen gesunden räumlichen Abstand zu unterschreiten und den denkbar nächsten Platz zum Dozenten anzunavigieren. Wer also glaubt, all die Aktenordner, Bücherstapel und Zettelhaufen seien bloß willkürlich dem chaosliebenden Geniegeist geschuldet, der irrt. Geschickt platzierte, gestapelte Arbeitsunterlagen neben dem Professor stellen für ihn eine ideale Barriere dar.

Wenn auch nicht allzu oft, so kommen skurrile Szenen doch vor, so der Wissenschaftler. Manche Professoren mögen zwar nicht ohne Stolz verkünden, ihre Studentinnen zum Weinen gebracht zu haben. Wesentlich amüsanter seien aber Begegnungen mit Austauschstudenten. Bei Erasmus-Teilnehmern glichen diese manchmal einer babylonischen Sprachverwirrung, die nur dann erfolgreich gelöst werden könne, wenn der Professor seine im achtstündigen Volkshochschulkurs erworbenen spärlichen internationalen Sprachkenntnisse auspackt. Auch Geschenke in Form von Selbstgebackenem kämen vor, die allerdings je nach Qualität "zwischen Bestechung und Racheakt" balancieren, wie der Professor sagt.

Gute Vorbereitung ist unabdingbar

Die Sprechstunde kann also nicht nur für Dozenten, sondern auch für Professoren eine Herausforderung darstellen. Wer seine Ängste bekämpfen will, dem empfiehlt Holm-Hadulla den persönlichen Kontakt zu suchen. Insbesondere universitätsnahes Arbeiten, das Aufhalten in Bibliotheken und das Integrieren in das akademische Umfeld durch einen Job als Hilfskraft seien nützlich. Außerdem sei eine gute Vorbereitung nicht nur für Prüfungen, sondern auch für Sprechstunden unabdingbar.

Oftmals sei die Angst auch völlig unbegründet, wenn beispielsweise Studenten ihre Selbstkritik auf den Professor projizieren. Mit diesem Wissen kann das Gespräch mit dem Dozenten durchaus zu einer angenehmen und nützlichen Situation werden. Denn Reden kann ja bei allem Möglichen helfen. Auch bei der Lösung wissenschaftlicher Fragen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB