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Zwischen Wissen und Glaube:Nicht auf einzelne Studien vertrauen

Es bedarf aufwendiger Rücktransfers der Studienergebnisse. Das klingt einfacher, als es ist. Niemand kennt die Zahl der abgeschlossenen, vergleichenden Therapiestudien. Bisher sind weltweit 600.000 randomisierte kontrollierte Studien in der Cochrane Library ( www.cochranelibrary.com) erfasst. Jede Angabe zu einer Obergrenze ist Spekulation, weil nur 50 Prozent der durchgeführten klinischen Studien publiziert werden. Insofern kann die Zahl auch doppelt so hoch sein.

Sie kann weit darüber liegen durch nicht in englischer Sprache verfasste Studien, die nicht in der global verfügbaren Wissenswelt der Medizin auftauchen. Eine Folge aus diesen Zahlen ist: Unsicherheit. Die scheinbar so geordnete Welt der klinischen Studien stellt sich aus der Perspektive der global vorhandenen Forschung als erstaunliches Chaos dar, in dem oft nicht einmal die Größenordnung des vorhandenen Wissens ausgemacht werden kann.

Auf einzelne Studien zu vertrauen, ist daher fehlerträchtig. Um medizinische Verfahren zu bewerten, verbietet sich die willkürliche Berücksichtigung nur weniger Studien. Aus diesem Grund wurde in den 1980er-Jahren begonnen, alle zu einer medizinischen Fragestellung verfügbaren Studien in systematischen Übersichtsarbeiten zusammenzufassen.

Die Cochrane Collaboration, ein seit 1993 auf 30.000 Personen angewachsenes globales Netzwerk, leistete hier Pionierarbeit. Die Datenbank Cochrane Library umfasst inzwischen 4695 abgeschlossene und 2025 in Vorbereitung befindliche Arbeiten.

Das Konzept der systematischen Übersichtsarbeit hat sich in den vergangenen 20 Jahren durchgesetzt. Das aus Studien vorhandene Wissen wird aufbereitet und verdichtet, um die Grundlage für die medizinische Anwendung zu liefern. Systematische Übersichtsarbeiten sind fundamentale Bausteine für klinische Leitlinien. Sie helfen Ärzten bei der Entscheidung für oder wider eine Therapie, werden auch von Kranken, Angehörigen und Politikern herangezogen, auch wenn sie oft kaum verständlich sind.

Für die Gesundheitsberufe ist die Beschaffung verlässlicher Information schwierig, für Patienten und Angehörige oft aussichtslos. Auf der einen Seite werden sie im Internet überschüttet mit medizinischen Empfehlungen, die besser nicht dort stünden.

Auf der anderen Seite gibt es ernsthafte Versuche, den Informationsozean aus englischsprachigen Zeitschriften fachlich richtig in deutscher, laienverständlicher Sprache im Internet zu präsentieren. Qualität zu erkennen, stellt Patienten vor unlösbare Probleme.

Die zarten Pflänzchen auf dem richtigen Weg ( www.gesundheitsinformation.de oder www.patienten-information.de oder auch www.krebsinformationsdienst.de) sind hoffnungsvolle Ansätze, die jedoch meilenweit entfernt sind von einem Gesundheitsinformationssystem, das einem reichen Land mit 82 Millionen Einwohnern gerecht wird.

Die Welt der Studien mit ihren Statistiken und Unsicherheiten mag als Nebenpfad erscheinen, der vor allem die Forschung betrifft. Tatsächlich werden jährlich Millionen Menschen innerhalb klinischer Studien behandelt, während eine um ein Vielfaches höhere Zahl an Patienten darauf wartet, von den Ergebnissen zu profitieren.

Dass es wichtig ist, den Nutzen medizinischer Verfahren durch systematische Zusammenfassung von Studien zu erkennen und die Verbreitung dieses Wissens zu beschleunigen, liegt auf der Hand. Etliche Länder haben diesen Anspruch vor Jahren formuliert. Neue Institutionen und Investitionen haben in vielen Ländern Strukturen geschaffen, die den Weg des Wissens vom Studienteilnehmer zum Patienten verbessern.