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Zahnmedizin:Zahnfüllungen lösen nur selten Allergien aus

Besser als ihr Ruf: Die Wurzelbehandlung kann Zähne retten

50 Millionen Zahnfüllungen werden in Deutschland jährlich eingesetzt.

(Foto: dpa-tmn)

Die Angst vor zahnmedizinischen Materialien ist meistens unbegründet. Manche Zahnärzte nutzen die Ängste jedoch aus.

Auch ein Allergologe reagiert manchmal allergisch. Auf Berichte über Amalgam-Allergien zum Beispiel. "Das hat uns zur Verzweiflung gebracht", sagt Jörg Kleine-Tebbe, Dermatologe und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI). Anders als viele Berichte suggerieren, sind Amalgam-Allergien nämlich extrem selten. "Eine absolute Rarität", sagt Kleine-Tebbe.

Trotzdem sind Ängste vor zahnmedizinischen Materialien verbreitet. Die Liste der Inhaltsstoffe ist ja auch lang: Silber, Kupfer, Zinn und Quecksilber im Amalgam, dazu Methacrylate, Weichmacher, Quarze oder Siliciumdioxid in Kompositfüllungen oder Acrylate in den Klebern, mit denen Füllungen und Kronen befestigt werden. Die Furcht, dass ungesunde oder gar giftige Stoffe in den Körper gelangen, hält sich seit Jahren.

"Man muss dabei zwei Dinge unterscheiden", erklärt Jörg Kleine-Tebbe. "Ja, es werden eine Menge Substanzen im Mund verbaut, aus denen Inhaltsstoffe austreten können. Und es ist unbestritten, dass gerade Bestandteile von Komposit-Kunststoffen Allergien auslösen können. Aber die häufigsten Allergene sind Proteine und Pollen. Im Vergleich dazu ist das Problem in der Zahnmedizin klein. Hier werden auch viele Geschäfte mit der Angst gemacht." Manche Zahnärzte locken verunsicherte Patienten mit wissenschaftlich fragwürdigen Angeboten zur "Entgiftung", der teilweise erhaltenswürdige oder gar gesunde Zähne zum Opfer fallen. Gerade bei unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Verdauungsstörungen müsse man sehr vorsichtig sein, betont Jörg Kleine-Tebbe. "Natürlich wünschen sich viele Menschen dafür eine kausale Erklärung. Aber die kann die Medizin nicht immer bieten."

Trotz verbesserter Zahngesundheit legen Zahnärzte in Deutschland immer noch rund 50 Millionen Füllungen pro Jahr. Und der Trend weg vom Amalgam hin zu Komposit-Kunststoffen, also zahnfarbenen Füllungen, hat offenbar Folgen. Wie bei Allergien insgesamt sei auch bei Allergien gegen Kunststoffe in der Zahnmedizin ein Anstieg zu beobachten, sagt Franz-Xaver Reichl von der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie der LMU München. 1996 seien nur 0,2 Prozent der Patienten betroffen gewesen, 2006 jedoch rund zwei Prozent und 2019 etwa vier Prozent. Deutlich sei die Zunahme aber vor allem bei Zahnärzten, Zahntechnikern und zahnärztlichem Personal, also Berufsgruppen, die regelmäßig mit dem Material arbeiten. "Insgesamt sind im Zahnbereich heutzutage Allergien durch Kunststoffe häufiger als durch Metalle."

Die genaue Zusammensetzung der verwendeten Materialien ist oft gar nicht bekannt

Wenn Allergien durch Zahnmaterialien auftreten, dann handelt es sich in der Regel um eine Kontaktallergie. Kontaktekzeme auf der Haut jucken, sind rau oder nässen. Im Mund zeigt sich das anders. Typisch ist dann eine weißlich-graue netzartige Struktur an den Kontaktstellen der Schleimhaut, wie bei einer gutartigen, entzündlichen Haut- und Schleimhauterkrankung. Bei Amalgam gibt es das sehr selten. Aber es kann auch eine Rötung oder Schwellung auftreten, ein Zeichen für eine Entzündung der Mundschleimhaut, fachlich "allergische Kontaktstomatitis" genannt.

In einer Leitlinie der höchsten Qualitätsstufe ist genau aufgelistet, wie eine mögliche Kontaktreaktion der Mundschleimhaut auf zahnprothetische Materialien diagnostiziert werden sollte. Standard ist der sogenannte Epikutantest. Dabei werden Pflaster mit verschiedenen Inhaltsstoffen auf die Haut geklebt. Kontaktallergien auf Zahnmaterialien gehören meist zum Allergietyp IV, das heißt die allergische Reaktion erfolgt nicht sofort, sondern verzögert. Deshalb sollten die Pflaster laut der Leitlinie, einer wissenschaftlichen Orientierungshilfe für Ärzte und Patienten, 24 beziehungsweise 48 Stunden auf der Haut gelassen und die Reaktionen langfristig abgelesen werden, das heißt nach drei bis sieben Tagen.

Kontaktallergien im Mund sind deutlich seltener als auf der Haut, und sie verursachen wegen der Spülwirkung des Speichels auch meist geringere Symptome. Die genaue Abgrenzung kann also schwierig sein. Denn es gibt zahlreiche potenzielle Auslöser für diffuse Probleme oder konkrete Erkrankungen im Mund - zum Beispiel Zahncremes, Mundspüllösungen, schlicht eine mangelnde Mundhygiene und sogar psychische Faktoren. Und weil auch die Hautreaktionen auf den Epikutantest vielfältig sein können, sollte der Test laut Leitlinie "nur von erfahrenen, dermatologisch versierten Allergologen" durchgeführt werden.

Entfernt werden sollte eine Füllung oder ein Zahnersatz nur, wenn sich eindeutige allergische Reaktionen an der Teststelle zeigen und zugleich im Mund klinisch eindeutige, charakteristische Bilder wie Kontaktstomatitis, Zahnfleischentzündung oder eine netzartige Streifung an der Schleimhaut vorhanden sind. Aus Sicht von Franz-Xaver Reichl, Toxikologe und Leiter des Internationalen Beratungszentrums für die Verträglichkeit von Zahnmaterialien (BZVZ), ist die genaue Zusammensetzung der Inhaltsstoffe vor allem bei Kunststoffen ein Problem. "Es gibt nicht den einen Kunststoff, sondern die Zahnfüllung setzt sich aus vielen weiteren dentalen Materialien zusammen. Die genaue Zusammensetzung geben die Hersteller nicht preis." Bis zu 30 verschiedene Substanzen könnten aus Zahnkunststoff-Materialien freigesetzt werden. "Nach einem Epikutantest können wir anhand unserer Datenbank gezielt Zahnmaterialien auswählen, die für den jeweiligen Patienten verträglich sind."

Amalgamlegierungen wurden schon vor etwa zehn Jahren so verbessert, dass die Bestandteile im Mund kaum noch korrodieren und somit kaum noch Quecksilber freigesetzt wird. Über die Nahrung nehmen wir deutlich mehr Quecksilber auf, vor allem durch Fisch. Die Bundeszahnärztekammer betonte 2018 in einer Stellungnahme: "Weltweit gibt es kein Füllungsmaterial, das so oft und intensiv auf eine mögliche Gesundheitsgefährdung hin untersucht wurde, wie es bei Amalgam der Fall ist. Keine Studie konnte den Nachweis für die These erbringen, dass Amalgamfüllungen in einem ursächlichen Zusammenhang mit degenerativen Krankheiten, anderen Krankheiten oder sonstigen unspezifischen Symptomen steht."

© SZ vom 14.05.2020
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