Wiederbelebung Forscher kritisieren Adrenalin bei der Wiederbelebung

Erste-Hilfe-Kurse gibt es in fast jeder Stadt. Dort lernt man auch die Regeln einer Reanimation.

(Foto: dpa)
  • Britische Ärzte zeigen im New England Journal of Medicine, wie wenig die Adrenalin-Gabe bei Reanimationen außerhalb der Klinik auszurichten vermag.
  • Zwar lag der Anteil der Überlebenden unter Adrenalin etwas höher - aber eben auch die Quote jener mit erheblichen neurologischen Beeinträchtigungen.
  • Die Autoren betonen, dass eine frühe Reanimation durch Laien sehr wichtig ist.
Von Werner Bartens

Wenn das Herz unterwegs plötzlich stillsteht, kommt es auf jede Sekunde an. Dann braucht es die Druckmassage über dem Brustbein, um den Körper weiterhin mit Blut und die Organe mit Sauerstoff zu versorgen, bis professionelle Hilfe da ist. Ein hoffentlich in der Nähe vorhandener Defibrillator hilft, den Herzrhythmus wieder in die richtige Spur zu bringen. Ist das Rettungsteam endlich vor Ort, wird Adrenalin gespritzt. Das Hormon verengt die kleinen Adern, sodass mehr Blut für die Kranzgefäße und zur Versorgung der wichtigen Organe zur Verfügung steht.

Was seit Jahren routinierte Praxis ist, gerät neuerdings in die Kritik. Britische Ärzte zeigen im New England Journal of Medicine, wie wenig die Adrenalin-Gabe bei kardialen Notfällen außerhalb der Klinik auszurichten vermag. "Der Nutzen ist recht gering, man muss schon 125 Patienten auf diese Weise behandeln, damit einer zusätzlich überlebt", sagt Hauptautor Gavin Perkins von der Universität Warwick. "Dafür verdoppelt sich durch Adrenalin das Risiko der wenigen Überlebenden, einen schweren Hirnschaden davonzutragen."

"Patienten haben nach einem Herzstillstand von zehn oder gar bis zu 20 Minuten leider nur noch eine ziemlich schlechte Prognose"

Für die Studie wurden insgesamt mehr als 8000 Patienten betrachtet, die einen Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses bekommen hatten. Neben der üblichen Behandlung hatte die Hälfte von ihnen Adrenalin, die andere Hälfte Kochsalzlösung bekommen. Nach 30 Tagen lebten überhaupt nur noch 224 Patienten, das heißt weniger als drei Prozent.

Zwar lag der Anteil der Überlebenden unter Adrenalin etwas höher - aber eben auch die Quote jener mit erheblichen neurologischen Beeinträchtigungen. Zwar war das Notarztteam durchschnittlich nach sieben Minuten vor Ort; bis das Medikament gespritzt werden konnte, vergingen jedoch im Mittel fast 14 Minuten.

"Patienten haben nach einem Herzstillstand von zehn oder gar bis zu 20 Minuten - wie in der Studie - leider nur noch eine ziemlich schlechte Prognose", sagt Intensivmediziner und Notarzt Alexander Choukèr vom Universitätsklinikum München-Großhadern. "Mit zunehmender Dauer stellt sich zudem die ethische Frage, um welchen Preis noch reanimiert wird, denn allerschwerste Hirnschäden werden immer wahrscheinlicher."

Der Anteil jener Patienten in der Studie, die nach einem Herzstillstand mit keinen oder nur geringfügigen neurologischen Beeinträchtigungen davonkamen, lag denn auch sowohl nach Adrenalin-Gabe als auch unter Kochsalz-Placebo bei unter einem Prozent. "Insofern ist es wichtiger, welche anderen Maßnahmen in den ersten Minuten verbessert werden können, etwa der Gebrauch des Defis und die baldige Herzdruckmassage durch die Ersthelfer." Adrenalin bleibe zudem in den ersten Minuten nach einem Herzstillstand, etwa in der Klinik oder wenn Helfer auswärts schnell vor Ort sind, ein wichtiger Lebensretter.

Von größter Bedeutung ist es hingegen, die Aufmerksamkeit für das Problem zu stärken. "Adrenalin macht nicht den großen Unterschied, aber die Menschen drumherum können ihn ausmachen", sagt Jerry Nolan vom Universitätsklinikum in Bath. "Leben werden gerettet, wenn ein Herzstillstand schnell erkannt wird, die Wiederbelebungsversuche rasch beginnen und Laien einen Elektroschock mit dem Defibrillator abgeben."

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