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Sterbehilfe:Teures Lebensende

Unzweifelhaft lässt sich mit dem zu Ende gehenden Leben viel Geld verdienen. Etwa ein Drittel der Gesundheitskosten im Leben eines Menschen fällt in den letzten ein bis zwei Lebensjahren an. Es geht hier also um dreistellige Milliardenbeträge. Die verzweifelte Hoffnung schwerstkranker Menschen und ihrer Familien auf Heilung oder wenigstens Aufschub wird von der Gesundheitsindustrie bewusst instrumentalisiert, um höhere Renditen durch zum Teil zweifelhafte Heilungsversprechen zu erzielen. Diesen Gewinnerzielungsabsichten nutzen auch die Ängste der Ärzte, die sich sehr schwer damit tun, einem Patienten "nichts mehr anbieten zu können". Damit ist die Übertherapie am Lebensende programmiert. Und doch gäbe es eine wirkungsvolle Alternative.

Eine 2010 publizierte Studie aus Harvard hat gezeigt, dass die frühzeitige Einbindung der Palliativmedizin in die Betreuung von Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs zu einer besseren Lebensqualität, einem geringeren Einsatz von Chemotherapie und gleichzeitig einem signifikant längeren Überleben führt. Die Patienten lebten etwa drei Monate länger, nebenwirkungsfrei und kostensparend.

Wie schafft das die Palliativmedizin? Indem sie leidvolle Symptome effektiv behandelt und die Bedürfnisse, Prioritäten und Ressourcen der Patienten und ihres sozialen Umfelds in den Mittelpunkt stellt. Das Ziel der Palliativversorgung ist laut der Definition der Weltgesundheitsorganisation einzig und allein die Lebensqualität schwerstkranker Patienten und ihrer Familien. Dies wird erreicht, indem nicht nur die physischen, sondern auch die psychosozialen und spirituellen Aspekte interdisziplinär und multiprofessionell betrachtet und behandelt werden.

Nun würde man als Außenstehender wahrscheinlich vermuten, dass ein rational arbeitendes Gesundheitssystem diesen Behandlungsansatz begeistert aufnehmen und propagieren müsste. Wie oft passiert es, dass ein medizinischer Fortschritt das Leben verlängert, die Lebensqualität verbessert und gleichzeitig die Kosten senkt? Seltsamerweise ist von Begeisterung für die Palliativmedizin selbst bei denjenigen wenig zu spüren, die sich qua Amt um unsere Gesundheit kümmern sollten.

Ein eklatantes Beispiel hierfür ist die derzeitige Diskussion um die Finanzierung der Palliativstationen in Deutschland. Erklärtes Ziel der Krankenkassen ist es, diese in Zukunft über Fallpauschalen zu finanzieren, bei denen pro Patient ein fester Durchschnittsbetrag bezahlt wird, unabhängig von Krankheitsschwere und Aufenthaltsdauer. Die Fallpauschalen-Finanzierung dient allgemein dazu, die Liegedauer der Patienten in Krankenhäusern zu verkürzen, um Kosten zu sparen. Dieses Ziel wurde erreicht, wenn auch zum Teil mit der Folge von "blutigen Entlassungen". Aber: Bei Palliativstationen, auf denen etwa die Hälfte der Patienten stirbt, erzeugt eine solche Finanzierung automatisch einen ethisch inakzeptablen Druck hin zum fallpauschalenverträglichen Frühableben der Schwerstkranken. Dies sollte sich von selbst verbieten.

Um noch einmal die Größenordnungen zu verdeutlichen: Dort, wo sie erlaubt ist, wie in der Schweiz, spielt die Suizidhilfe in weniger als 0,5 Prozent der Todesfälle eine Rolle. Die medizinische Übertherapie am Lebensende (bei gleichzeitiger pflegerischer Unterversorgung!) betrifft hingegen mindestens die Hälfte der Sterbenden, ein Unterschied um den Faktor 100. Die Übertherapie am Lebensende verschlingt nicht nur enorm viel Geld; sie verhindert leider oft, dass Menschen ihre letzte Lebensphase im Einklang mit ihren Wünschen und Prioritäten und am Ort ihrer Wahl verbringen.

Wir sollten die Atempause in der Suizidhilfedebatte zur Reflexion über die Grundlagen und Grundwerte unseres Gesundheitssystems nutzen. Die wirklich gravierenden Verstöße gegen die Menschenwürde am Lebensende geschehen nämlich laufend - systemkonform, vor unseren Augen und gänzlich unbemerkt.

Gian Domenico Borasio, 50, ist Professor für Palliativmedizin an der Universität Lausanne in der Schweiz. Die Palliativmedizin hat zum Ziel, dass Menschen ohne Schmerzen sterben können.