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Schwangerschaft:Sex ist kein Tabu

Kann Sex in der Schwangerschaft Infektionen begünstigen? Kann ein Orgasmus Wehen oder gar eine Fehlgeburt auslösen? Die meisten Befürchtungen gehören in das Reich der Mythen.

"Hilfe, mein Mann will keinen Sex mehr", schreibt eine Nutzerin in einem Internetforum. Klagen wie diese hört Frauenärztin Babette Ramsauer oft in ihrer Sprechstunde. "Sexualität in der Schwangerschaft ist für viele Paare immer noch ein Tabu", sagt die Leitende Oberärztin am Vivantes Klinikum für Geburtsmedizin in Berlin-Neukölln.

Gerade Männer zögen sich zurück und würden oftmals von der Vorstellung geplagt, ein kleiner Zaungast im Bauch der Frau sehe ihnen beim Sex zu oder könne dabei gar verletzt werden. Frauen hätten dagegen entgegen der sonst oft passiveren Rolle mehr Lust auf Sex während der Schwangerschaft.

Das unersättliche Bedürfnis schwangerer Frauen lässt sich medizinisch erklären. Es sind die Hormone, die dazu beitragen, "dass Klitoris und Vagina stärker durchblutet werden und schwangere Frauen empfänglicher sind für sexuelle Reize und sensible Berührungen", sagt Ramsauer. Hinzu komme, dass sich Frauen in der Schwangerschaft oftmals als attraktiver und erotischer empfinden. "Sie scheinen endlich einmal mit ihrer Figur und ihrem Äußeren zufrieden zu sein", sagt die Frauenärztin.

Wenn da nur nicht der besorgte werdende Vater wäre, den Fragen wie diese plagen: Können beim Sex nicht Keime in die Scheide eingeschleppt werden? Kann ein Orgasmus vielleicht Blutungen oder Wehen auslösen? Führt allzu heftiger Sex vielleicht am Ende gar zu einer Fehlgeburt? "All diese Sorgen sind völlig unbegründet", sagt Ramsauer, die Paaren immer wieder erklärt, dass aus medizinischer Sicht nichts gegen Sex in der Schwangerschaft spricht: "Bei einer normal verlaufenden Schwangerschaft kann der Mann nichts kaputt machen."

Das Baby ist vom Fruchtwasser in der Fruchtblase und von der dicken Gebärmutterwand gut geschützt. Der Schleimpfropf, der den Gebärmutterhals verschließt, bewahrt das Baby außerdem vor Keimen. Ebenso wie das saure Milieu der Scheide, das es Fremdkeimen schwer mache, sich zu vermehren. Die Frauenärztin verweist auf Studien, denen zufolge es "keinen Zusammenhang zwischen Sex in der Schwangerschaft und einer Frühgeburt gibt, solange es sich um eine normal verlaufende Schwangerschaft handelt". Nur im Falle einer drohenden Fehlgeburt aufgrund einer Risikoschwangerschaft rät Ramsauer zum sexuellen Verzicht.

Mythen, die gegen Sex in der Schwangerschaft sprechen, lassen sich nach Ansicht der Medizinerin schnell entkräften. Etwa dass die im Sperma enthaltenen Prostaglandine eine Frühgeburt auslösen könnten. Es stimme zwar, dass dies ein Wehen fördernder Stoff sei, die im Sperma enthaltene Menge sei allerdings zu gering, um eine Geburt oder gar eine Frühgeburt auszulösen.

Ebenfalls ins Reich der Märchen gehöre die Annahme, dass durch Sex und Orgasmus der Frau Geburtswehen ausgelöst würden. Nicht belegen lasse sich auch, dass Frauen durch Sex mehr Infektionen während der Schwangerschaft erleiden. "Eine Neuinfektion in der Schwangerschaft ist von der individuellen Veranlagung abhängig und nicht vom Ansteckungsrisiko durch einen Partner", sagt Ramsauer.

Schließlich weist die Ärztin werdende Eltern gerne darauf hin, dass sie ihre Sexualität jetzt endlich unbeschwert genießen könnten. "Die Zeit der lästigen Verhütung, des Sex nach Kalender und Uhrzeit ist vorbei, man muss nicht auf der Hut sein, dass etwas passiert."

© dapd/beu
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