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Regenerative Medizin:Projekt Jungbrunnen

In Japan entsteht eine neue Biobank. Dort sollen Stammzellen lagern, um die gesundheitliche Zukunft des Landes zu sichern. Ausländische Forscher sind durchaus neidisch.

Von Kathrin Zinkant

Kyoto University Stem Cell Research

Machen vieles möglich: Induzierte pluripotente Stammzellen.

(Foto: PA/dpa)

Prometheus, immer wieder Prometheus. Tag für Tag musste der gefesselte Titan bekanntlich einen Adler von seiner Leber fressen lassen, ohne irgendeine Aussicht auf einen gnädigen Tod. Denn ihm wuchs das angenagte Organ einfach nach. Nacht für Nacht. Was für den Göttlichen ein Fluch war, ist für Forscher aber seit jeher der Traum aller Träume. Prometheus ist zum viel strapazierten Sinnbild aller Versprechen in der regenerativen Medizin geworden. Ewig frisches Gewebe, jederzeit. Kaum jemand aber hätte gedacht, dass dieser Traum tatsächlich greifbar würde.

Doch das scheint nun der Fall zu sein. Und zwar in Japan. Seit einigen Jahren schon erschaffen Wissenschaftler der Universität von Kyoto eine ganz besondere Biobank. Sie enthält keine Gene, kein Gewebe, kein Blut. Die Forscher unter der Leitung des Medizin-Nobelpreisträgers von 2012, Shinya Yamanaka, tragen einen Jungbrunnen für das japanische Volk zusammen: Etwa 140 Linien von sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (siehe Kasten rechts) werden am Center for iPS-Cell Research and Application auf Eis gelegt. Aus ihnen lässt sich nach Bedarf fast jedes erwünschte Gewebe herstellen. Sie sollen die Grundlage für künftige Therapien bilden, die in Japan ebenfalls intensiv erforscht werden.

Yamanaka selbst will im kommenden Jahr mit ersten Studien an Parkinson-Patienten beginnen. Ein weiteres Projekt des Nobelpreisträgers ist die Behandlung erblicher Muskeldystrophien. Das sind Krankheiten, bei denen Muskeln degenerieren, sie enden oft tödlich. Und als im vergangenen Herbst in Kobe die erste klinische Überprüfung einer Augentherapie begann, äußerten sich Forscher weltweit durchaus etwas neidisch. Denn von allen Stammzelltherapien gilt die Behandlung mit aus iPS-Zellen gezüchtetem Ersatz derzeit als besonders aussichtsreich. Fast alle Labors in diesem Forschungsgebiet arbeiten inzwischen mit diesem Zelltyp.

Nirgends aber wird so massiv in die Arbeit mit iPS-Zellen investiert wie in Japan. Der wohl wichtigste Grund ist die japanische Demografie. In keinem anderen Land der Welt schrumpft und vergreist die Bevölkerung so rasch wie in dem Inselstaat. Längst sterben in Japan mehr Menschen als geboren werden. Jeder vierte Japaner hat bereits jetzt das Rentenalter erreicht. Zugleich haben Männer wie Frauen eine höhere Lebenserwartung als jedes andere Volk der Welt.

Und obwohl die berühmten Hundertjährigen von Okinawa vor Vitalität nur so strotzen: Mit dem demografischen Wandel kommt auch eine enorme Belastung für das Gesundheitswesen. Altersbedingte Krankheiten wie die Makuladegeneration, bei der ein Teil der Netzhaut kaputt geht, was zur Erblindung führen kann, nehmen zu. Und vor allem die Zahl degenerativer Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson steigt stark an. Schon lange ist klar, dass die regenerative Medizin helfen soll. Aber wie?

Eine Entdeckung vor 17 Jahren bot endlich eine Antwort. "Als es Jamie Thomson 1998 gelang, menschliche embryonale Stammzellen zu gewinnen, waren wir alle sehr aufgeregt", erinnert sich Yamanaka. Der Arzt hatte zunächst selbst an solchen "ES-Zellen" geforscht, die als Maßstab für die Vielseitigkeit solcher pluripotenten, also alle Gewebe bildenden Zellen gelten. "Wir hofften, dass wir mit diesen Zellen vielen Patienten helfen würden, das Potenzial war gewaltig." Doch diese Zellen stellten die Forscher vor ein Dilemma. Um sie zu gewinnen, muss man Embryos zerstören. "Ich hatte damit meine Not", sagt Yamanaka. "Ich bin Vater von zwei Töchtern. Aus menschlichen Embryos können Kinder wie meine Töchter werden."

Warum diese Embryozellen eine solch enorme Fähigkeit zur Erneuerung besitzen, blieb zunächst ein Rätsel. Kaum jemand glaubte, dass es so leicht zu lösen sein würde. Dennoch versuchte Yamanaka einen Weg zu finden, um Zellen zu Stammzellen zu verjüngen. Vorbild war jener Prozess, der in den Neunzigern zum berühmten Klonschaf Dolly geführt hatte.

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