Qualität in der Wissenschaft Zoff um die HPV-Impfung

Humane Papillomaviren (HPV) unter dem Elektronenmikroskop.

(Foto: dpa)
  • Die Cochrane Collaboration gilt als wichtigste Instanz, wenn es um die Beurteilung von Nutzen und Wirksamkeit von Tests und Therapien in der Medizin geht.
  • Bei einer Veranstaltung zum 25. Geburtstag der Vereinigung kam es zum Eklat: Peter Gøtzsche, 1993 eines der Gründungsmitglieder der Cochrane Collaboration, wurde aus der Vereinigung ausgeschlossen.
  • Gøtzsche hatte eine Cochrane-Analyse zur Wirksamkeit und Sicherheit der HPV-Impfung scharf kritisiert.
Von Werner Bartens

Wenn sich professionelle Rechthaber und Besserwisser untereinander streiten, ist ihnen besondere Aufmerksamkeit gewiss. Die Cochrane Collaboration ist eine solche Vereinigung, denn sie gilt als wichtigster Vertreter der reinen Lehre, wenn es um den Nutzen und die Wirksamkeit von Tests und Therapien in der Medizin geht. Methodisch geschulte Mitarbeiter rund um den Globus erstellen gründliche Zusammenfassungen, die "Cochrane Reviews", zu Sinn und Unsinn in der Medizin, die oft mehrere Hundert Seiten lang sind und ob ihrer Genauigkeit medizinische Leitlinien und gesundheitspolitische Entscheidungen beeinflussen können. Von der Industrie sind Cochrane-Voten gefürchtet, weil sie mit statistischer und epidemiologischer Wucht schon so manche PR-Kampagne für das neue Krebsmittel oder den diagnostischen Test als hohle Marktschreierei entlarvt haben.

Anlass war eine Stellungnahme zur HPV-Impfung

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Das Cochrane Colloquium zum 25. Geburtstag der Vereinigung, das Anfang dieser Woche in Edinburgh stattfand, wartete mit einer besonderen Überraschung auf. Allerdings wurde in Schottland keine etablierte Therapie zerpflückt, sondern der wohl bekannteste Kopf der Cochrane-Gruppe gleichsam vom Hof gejagt. Peter Gøtzsche, 1993 eines der Gründungsmitglieder der Cochrane Collaboration und Leiter des Nordischen Cochrane-Zentrums in Kopenhagen, wurde mit knapper Mehrheit nicht nur aus dem "Board" - vergleichbar dem Aufsichtsrat oder Stiftungsrat -, sondern gleich aus der ganzen Vereinigung ausgeschlossen. Aus Protest verließen vier weitere Mitglieder das 13-köpfige Board, darunter Jörg Meerpohl, Co-Direktor von Cochrane Deutschland, und Gerald Gartlehner, Direktor der Cochrane-Zweigstelle in Österreich.

Vordergründiger Anlass war das Cochrane Review zur HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs vom Mai 2018. Ein Team um Gøtzsche äußerte nach Erscheinen scharfe Kritik an der Analyse und warf den Autoren gleich mehrere methodische Mängel vor.

Studien, in denen Nebenwirkungen der Impfung stärker betont wurden, seien unterschlagen worden, die fragliche Sicherheit der Impfung zu wenig berücksichtigt und Analysen aus der Industrie zu unkritisch übernommen, so die Vorwürfe. Insgesamt zeichne das HPV-Review daher ein viel zu positives Bild der Impfung und die Cochrane Collaboration komme ihrem Auftrag nicht nach, die Öffentlichkeit glaubwürdig und unabhängig über Schaden und Nutzen medizinischer Methoden zu informieren.

Diese Fundamentalkritik aus den eigenen Reihen war offenbar zu viel für die Cochrane-Gemeinde. Peter Gøtzsche gilt den Seinen seit Langem als ebenso profilierter wie polarisierender Vertreter der evidenzbasierten Medizin. Den allenfalls bescheidenen Nutzen des Mammografie-Screenings hat er süffisant weiter relativiert, da ja inklusive aller Verkehrsunfälle auf dem Weg zur Brustuntersuchung die Bilanz endgültig negativ ausfalle. Die Studien zum Nutzen von Psychopharmaka entkräftete er mit dem schwer zu widerlegenden Hinweis, dass kaum ein Zweig der Medizin so "industrieverseucht" sei wie die Psychiatrie.

Gøtzsche war immer für ein pointiertes Zitat gut und scheute die Polemik nicht - mit der Industrie als einseitigem Feindbild. In Edinburgh spaltete der Eklat die Cochrane-Gemeinde. Die einen sehen in ihm den Populisten, der trotz seines divenhaften Auftretens für die gemeinsame Sache kämpft.

Die anderen sind dauerhaft genervt vom eitlen Selbstdarsteller, der unter dem Briefkopf Cochrane seine Vorurteile pflegt. Aus dem Cochrane-Kreis hat sich bisher niemand offiziell zu den Vorfällen geäußert - in Edinburgh war hingegen von juristischen Untersuchungen und dem englischen Stiftungsrecht die Rede, dem die Cochrane Collaboration untersteht. Peter Gøtzsche selbst äußert sich sehr wohl. Unter dem Briefkopf des Nordischen Cochrane-Zentrums stilisiert er sich als Märtyrer, der im Kampf für die Aufrichtigkeit in der Medizin alles gegeben hat, aber nun unter dem Druck von Industrie-Interessen geopfert wurde.

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