bedeckt München 17°

Qualität in der Chirurgie:Wie Scheren im Bauch verschwinden

gesundheitsforum

Jens Werner ist Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Thoraxchirurgie am Klinikum der LMU.

(Foto: Andreas Steeger)

Ob Transplantationsskandal, Behandlungsfehler oder Eingriffe mit zweifelhaftem Nutzen: Die Chirurgie sieht sich in letzter Zeit einiger Kritik ausgesetzt. Chirurg Jens Werner über die Sicherheit im OP und die Aussagekraft von Ärzte-Rankings.

SZ: In den Fehlerstatistiken, die Ärztekammern und Krankenkassen jährlich veröffentlichen, liegt die Chirurgie regelmäßig ganz vorne. Die im Bauch vergessene Schere ist Sinnbild für Behandlungsfehler. Ist die Chirurgie besonders anfällig für Fehler?

Jens Werner: Nicht grundsätzlich. Die meisten Fehler in der Medizin passieren bei der Medikamentenverabreichung. Nur ist im Nachhinein oft nicht nachvollziehbar, wer den Fehler an welcher Stelle gemacht hat. Vergisst aber ein Chirurg die Schere im Bauch, gibt es kein Deuteln mehr. Der Fehler ist ihm klar nachzuweisen.

Wie häufig passiert so etwas?

In der Viszeralchirurgie gehen wir davon aus, dass pro 10 000 Operationen ein Fremdkörper im Körper des Patienten verbleibt.

Lassen sich solche Vorkommnisse nicht vermeiden?

Doch. Normalerweise werden alle Instrumente und Bauchtücher vor und nach der Operation gezählt. Das ist eine von vielen Routinemaßnahmen, die Fehler in der Chirurgie vermeiden sollen.

Warum passieren dennoch Fehler?

Fehler ereignen sich häufiger, wenn die Fälle unübersichtlich sind und die Routinen nicht wie gewohnt greifen. Das können Notfalloperationen sein, bei denen es schnell gehen muss, oder besonders ungewöhnliche Fälle. Um beim Beispiel des vergessenen Fremdkörpers im Bauch zu bleiben: Ich selbst habe vor Kurzem einem Patienten ein 13 Jahre zuvor vergessenes Bauchtuch herausoperiert. Ich möchte so einen Fehler nicht beschönigen, aber man muss berücksichtigen, dass der Patient zur Zeit der ersten Operation 250 Kilogramm wog. In so einem Bauch kann einiges verschwinden. Umso wichtiger wäre gewesen, dass gründlich gezählt wird.

Sind Operationen sicherer geworden?

Auf jeden Fall. Seit ungefähr zehn Jahren geht die Fehlerrate in der Chirurgie drastisch zurück. In dieser Zeit wurden beispielsweise auf breiter Basis Checklisten eingeführt. Schon vor Aufnahme des Patienten wird geprüft, ob er etwa bestimmte Vorerkrankungen und Risiken mitbringt. Unmittelbar vor der Operation werden Basisdaten mehrfach gecheckt. Auch der Umgang mit Fehlern hat sich verbessert. Denn nur wenn Probleme offen benannt werden, können sie gelöst werden.

Neuerdings wird Chirurgen oft vorgeworfen, zu viel zu operieren. Zu Recht?

Für meinen Bereich, die Allgemein- und Viszeralchirurgie, würde ich nicht zustimmen. Allenfalls bei kleineren Hernien, zum Beispiel Leistenbrüchen, gibt es mittlerweile Überlegungen, nicht immer gleich zu operieren, sondern auch mal abzuwarten. Hierbei sollte immer der ganze Patient betrachtet werden; auch sollten das Alter, Nebenerkrankungen, Leistungsfähigkeit und Erwartungen des Patienten in die Überlegungen mit einfließen. In der Orthopädie mag es jedoch anders aussehen. Ich schließe nicht aus, dass der Konkurrenzdruck vor allem kleinere Kliniken und Belegarztpraxen dazu verführen kann, mitunter zu schnell zum Skalpell zu greifen.

In Kürze öffnet im Klinikum Großhadern eines der modernsten Operationszentren Europas. Ermöglicht bessere Technik eine höhere Qualität?

Das neue Operationszentrum ermöglicht uns, Informationen während des Eingriffs besser auszutauschen. Es können beispielsweise aus den OP-Sälen heraus Bilder verschickt und Videokonferenzen abgehalten werden, um schnell den Rat von Kollegen einzuholen. Auch Übertragungen in Hörsäle sind möglich, sodass Studenten anschaulicher unterrichtet werden können. Es gibt nun Säle, die allein für minimalinvasive Eingriffe ausgelegt sind, und solche, in denen man endoskopische und offene Operationen kombinieren kann. Die Säle müssen nicht mehr je nach OP-Technik neu eingerichtet werden. Das ermöglicht klarere Routinen und damit mehr Sicherheit. Räumlichkeiten und Logistik wurden so verbessert, dass Wege und Wartezeiten sich verkürzen. Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme bekommen alle OP-Patienten ein Armband mit einem persönlichem Strichcode, anhand dessen sie jederzeit identifiziert werden können.

Welche Rolle spielt das Geschick des einzelnen Arztes? Rankings suggerieren ja gerne, es käme nur auf den richtigen Mediziner an . . .

Je mehr manuelle Geschicklichkeit eine Operation erfordert, desto wichtiger wird der einzelne Chirurg. Ich bezweifle aber, ob solche Rankings diese Fertigkeit wirklich einschätzen können. Die Verfasser der Listen müssten dem Chirurgen schon auf die Finger schauen, um sich ein Urteil bilden zu können. Nachgewiesen ist, dass mit der Häufigkeit, mit der ein Mediziner operiert, auch seine Kompetenz zunimmt. Doch selbst der erfahrenste Chirurg arbeitet nicht allein. Das Team ist mindestens genauso wichtig. Wenn beispielsweise die Krankenschwester nach dem Eingriff eine seltene Komplikation rechtzeitig erkennt, kann das Leben retten. Dies ist ein großer Vorteil der spezialisierten Zentren: Hier haben alle Beteiligten - bis hin zum Pflegepersonal - viel Erfahrung, und das 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche.

Woran können sich Patienten orientieren, wenn sie einen guten Chirurgen suchen?

Ich persönlich würde in so einem Fall immer einen Kollegen um Rat fragen. Patienten können versuchen, sich bei ihren behandelnden Ärzten nach möglichst erfahrenen Spezialisten zu erkundigen.