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Placebo-Effekt in der Chirurgie:"Rituelle Chirurgie"

"Man muss sich fragen, was unter die Rubrik ,rituelle Chirurgie' gehört und längst abgeschafft gehört - und was Teil der normalen Lernkurve ist", sagt Günther Jonitz, Chirurg und Präsident der Berliner Ärztekammer. "Früher war ein Riss der Achillessehne ein akuter Notfall, heute weiß man, dass die konservative Behandlung genauso gute Ergebnisse bringt."

Die Wissenschaftler aus Oxford wollen mit ihrer aktuellen Untersuchung nicht die Chirurgen düpieren und ihnen vorwerfen, fahrlässig Eingriffe vorzunehmen. Vielmehr ist ihre Analyse ein Plädoyer für placebokontrollierte Studien in den operativen Disziplinen. "Das Killerargument der Chirurgen lautete immer, placebokontrollierte Studien seien ethisch nicht zu verantworten, weil man Patienten sonst notwendige Behandlungen vorenthalten würde", sagt Norbert Schmacke. "Das Gegenteil ist der Fall: Placebokontrollierte Studien erhöhen die Sicherheit für Patienten und wenden Schaden von ihnen ab." Unnötige Prozeduren bleiben Kranken dann erspart.

Höchste Zeit, dass es in Deutschland mehr solcher hochwertigen Analysen gebe, fordert Schmacke. Während Orthopäden und Unfallchirurgen von Englands Eliteuni Oxford kritisch die Folgen ihres Tuns untersuchen, sei eine derartige Studie deutscher Unikliniken schwer vorstellbar.

MicMac-Chirurgie: Minimal invasive Eingriffe - mit maximalen Komplikationen

In der britischen Analyse wurden hauptsächlich neuere Verfahren untersucht, die bald in der Kritik standen oder hinterfragt wurden. "Wir haben zu bestimmten Zeiten der Ausbildung von Micmac-Chirurgie gesprochen", sagt Chirurg Jonitz. "Minimal invasiv mit maximalen Komplikationen. Da gab es zu viele Vorschusslorbeeren für viele Verfahren. Aber der Glaube an eine neue Methode ersetzt nicht das kritische Hinschauen und den seriösen Beleg der Vorteile für Patienten."

Für Jonitz stellt sich in der Medizin die Frage, wie Ärzte lernen. Durch Irrtum ist der schmerzhafteste Weg. Ideologie statt Wissen ist bequem, aber gefährlich. "Man muss sich immer wieder Rechenschaft ablegen über sein Tun und über die Ziele", sagt der Chirurg. "Das ist eine Tugend, die man erst wieder entdecken muss." Die Reaktionen aus der schneidenden Zunft sind denn auch bezeichnend: Die Kritik an der Kniespiegelung fand sich nach Moseleys Studie kaum in der Fachliteratur wieder; immerhin fassten einige Fachgesellschaften die Indikation enger und empfahlen den Eingriff nur noch bei mechanischen Problemen wie Gelenkblockaden.

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