Nocebo-Effekt:Krebspatienten wird schon vor der Chemotherapie übel

Lesezeit: 4 min

Die Nocebos (wörtlich: "Ich werde schaden") gelten als Gegenstück zum Placebo. Fast jeder Patient kennt das Phänomen, dass er Nebenwirkungen spürt, wenn ihm Nebenwirkungen vorhergesagt werden. "Schlechte Neuigkeiten fördern schlechte Physiologie", sagt Clifton Meador von der Vanderbilt-Universität. Krebsärzte wissen, dass etlichen Patienten bereits vor der Chemotherapie schlecht wird und sie schon Tage vorher oder auf dem Weg ins Krankenhaus erbrechen müssen. Es ist die Erwartungshaltung, die ihnen übel aufstößt.

In der Fachliteratur sind etliche Fälle von Patienten dokumentiert, bei denen Krebs im Endstadium diagnostiziert wird. Die Kranken, ihre Familien und auch die Ärzte glauben fest daran, dass dem Patienten nur noch wenige Monate bleiben. Wenn die Kranken dann tatsächlich einige Wochen später sterben, bietet sich den Ärzten gelegentlich auf dem Seziertisch eine Überraschung: Bei der Obduktion zeigen sich Tumore, die noch relativ klein sind und keine anderen Organe infiltriert und auch keine Metastasen gebildet haben. "Manche Menschen sterben nicht an Krebs, sondern daran, dass sie glauben, an Krebs zu sterben", sagt Clifton Meador, der solche Fälle genauer untersucht hat. "Wenn man von allen so behandelt wird, als ob man bald sterben müsse, glaubt man das irgendwann auch. Alles im Leben dreht sich dann nur noch um das Sterben."

Gerade die besonders ängstlichen Patienten legen jedes Wort des Arztes auf die Goldwaage. Leider wird in der medizinischen Ausbildung noch immer zu wenig Wert auf die Gesprächsführung gelegt. "Patienten wissen in der Klinik oft nicht mehr, was mit ihnen gemacht wird und warum. Sie werden immer unsicherer und ängstlicher und halten das Unwahrscheinliche für wahrscheinlich", sagt Bernard Lown. "Sie gehen in der Medizin verloren."

Das Aufklärungsgespräch stellt ein besonderes Dilemma dar. Einerseits sind Ärzte dazu verpflichtet, Patienten über mögliche Nebenwirkungen und andere Risiken zu unterrichten, damit diese eine informierte Entscheidung treffen können. Andererseits überfordern und verunsichern mehrseitige Aufklärungsbögen und Beipackzettel und das Gespräch über jede mögliche Komplikation - und sei sie noch so selten.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema