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Naturheilkunde:"Diese Leute erkennen die eigenen Grenzen nicht."

Eine Homöopathin habe ihren eigenen Tod herbeigeführt, weil sie einen schwarzen Hautkrebs an ihrem Arm nur mit Globuli behandelte. "Sie hat nicht realisiert, dass das lebensgefährlich ist", sagt Ernst. Auch der langjährige Apple-Chef Steve Jobs hat seine Entscheidung für eine vermeintlich sanfte Medizin am Ende bitter bereut. Er dachte, er könne sein Krebsleiden mit einer Diät in den Griff bekommen, notierte er kurz vor seinem Tod. Als er sich neun Monate später doch operieren ließ, hatte sein Tumor bereits gestreut.

Neben dem Wunschdenken der Patienten, denen die Schulmedizin oft unsympathisch ist, ist die schlechte Ausbildung von Heilpraktikern und Ärzten der kritische Punkt, sagt Ernst: "Diese Leute erkennen die eigenen Grenzen nicht." Vermischt mit dem unbedingten Glauben an die eigene, sanfte Medizin, sei ihr Handeln dann "gemeingefährlich".

Wie häufig solche fatalen Fehlbehandlungen sind, lässt sich statistisch kaum erfassen. Schulmediziner müssen auf Nebenwirkungen hinweisen, doch diese Information findet bei alternativen Therapien gemeinhin nicht statt. So sind es vor allem Einzelfälle, die durch Juristen oder Journalisten bekannt werden - wie der Tod einer Vierjährigen, für den erst im Februar die Eltern in Hannover wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurden. Sie hatten dem zuckerkranken Mädchen namens Sieghild Insulin vorenthalten, weil sie Anhänger der "Germanischen Neuen Medizin" waren, dessen Begründer schon 1986 die Approbation entzogen worden war.

Doch es sind nicht nur die extremen Fälle der unterlassenen Behandlung, die alternative Medizinmethoden gefährlich machen können. "Die Therapien haben zum Teil auch direkte Nebenwirkungen", betont Edzard Ernst. Das gilt besonders für pflanzliche Arzneimittel, die im Körper mit anderen Mitteln auf oft unerwartete Weise wechselwirken. Dass Patienten dies meist nicht ahnen, verstärkt die Probleme. Denn sie lassen ihre Ärzte im Unklaren über die zusätzlichen Mittel, die sie auf eigene Faust einnehmen.

So kann Johanniskraut zwar gegen Depressionen helfen. Aber wenn es mit anderen Medikamenten interagiert, setzt es deren Wirkung herab. Im Fall von Gerinnungshemmern, die einen Schlaganfall verhindern sollen, kann das lebensgefährlich werden, bei der Anti-Baby-Pille eher ein neues Leben befördern. Selbst so gesunde Dinge wie Vitamine sind nicht harmlos. Wenn man das Krebsmedikament Bortezomib braucht, ist Vitamin C in hoher Dosis fatal: Es macht das Krebsmedikament wirkungslos.

Gerade unter Krebspatienten sind alternative Behandlungen aber beliebt - oft, weil Kranke in Notlagen sich einen ganz besonderen, womöglich magischen Nutzen davon versprechen. Etwa jeder Zweite nutzt neben der Strahlen- oder Chemotherapie zusätzliche Mittel. In Absprache mit dem Arzt können ergänzende Therapien sinnvoll sein, betont Axel Eustachi.

Leider hält sich der Glaube an widerlegte Wunderdrogen oft hartnäckig. Noch immer greifen Patienten zum einst von Steve McQueen beworbenen Laetril aus Aprikosenkernen. Dabei ist der Nutzen seit mehr als 30 Jahren widerlegt, und nicht einmal das prominente Vorbild gab Anlass zu Hoffnung: Der Schauspieler erlag 1980 seinem Krebsleiden, trotz Laetril.

© SZ vom 05.08.2015

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