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Medizin:So wirkt der Nervenkampfstoff VX

  • Der Nervenkampfstoff VX zählt zu den giftigsten Stoffen überhaupt.
  • Über die Haut aufgenommen wirken sechs bis zehn Milligramm in der Hälfte der Fälle tödlich.
  • Der Tod tritt ein durch Atemlähmung oder Kreislaufkollaps, bei höheren Dosen unmittelbar.

Der Nervenkampfstoff VX zählt zu den Chemiewaffen der dritten Generation und den giftigsten Stoffen überhaupt. Über die Haut aufgenommen wirken sechs bis zehn Milligramm in der Hälfte der Fälle tödlich. Das Gift soll Kim Jong-nam, Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un, ins Gesicht gesprüht oder geschmiert worden sein.

VX ist eine ölige, klare und geruchslose Flüssigkeit, die durch Verunreinigungen bei der Herstellung gelblich wie Motoröl aussehen kann. Sie blockiert die Weitergabe von Impulsen im Teil des Nervensystems, der für die unwillkürliche Steuerung der Organe und des Blutkreislaufs verantwortlich ist. Erste Symptome können Speichelfluss, laufende Nase, enge Pupillen und Schweißausbrüche sein, gefolgt von Erbrechen, Muskelzittern, Krämpfen und Atemnot. Der Tod tritt ein durch Atemlähmung oder Kreislaufkollaps, bei höheren Dosen unmittelbar.

Das wirft Fragen bezüglich des Attentats auf Kim Jong-nam auf, weil die beiden Frauen, die ihn attackiert haben, soweit bekannt, keine Vergiftungssymptome zeigten. Eine Theorie ist, dass VX in sogenannter binärer Form verwendet wurde. Dabei entsteht das Gift erst dadurch, dass zwei Komponenten miteinander vermischt werden. Solche binären Kampfstoffe wurden entwickelt, um Chemiewaffen-Munition besser lagerfähig zu machen und ihre Handhabung zu vereinfachen. Die beiden Substanzen vermischen sich etwa in einem Artillerie-Geschoss erst, nachdem dieses abgefeuert wird. Ähnlich könnten in diesem Fall die Substanzen nacheinander mit der Haut des Opfers in Kontakt gebracht worden sein.

Die organische Phosphorverbindung entdeckten Wissenschaftler 1952 in Großbritannien, als sie nach Ersatz für das Pestizid DDT suchten. Von 1958 an wurde VX in den USA zum Kampfstoff entwickelt, etwa zur gleichen Zeit stellte die Sowjetunion eine eigene Version her; Nordkorea soll größere Mengen VX besitzen. VX zählt zu den persistenten Kampfstoffen, es kontaminiert über Tage oder sogar Wochen Gebiete, über denen es ausgebracht wurde. Militärisch sollte es etwa dazu dienen, Gebiete für feindliche Truppen unpassierbar zu machen oder dem Feind die Nutzung von Nachschubeinrichtungen wie Häfen oder Flughäfen unmöglich zu machen. Soldaten können nur mit Vollschutz und entsprechender Gasmaske in kontaminierten Gebieten operieren.

VX verursacht keine Blasen

Die Nutzung von Nervenkampfstoffen durch Terroristen oder für gezielte Mordanschläge ist eine seit langem bekannte Bedrohung. Dem japanischen Todeskult Om Shinrikyo gelang es, 100 bis 200 Gramm des schwer herstellbaren VX zu synthetisieren. Die Gruppe verübte damit in den Jahren 1994 und 1995 mindestens drei Attacken; ein Opfer starb. Auch gab es Berichte, dass sie etwa 20 als abtrünnig eingestufte Mitglieder mit dem Gift umgebracht haben soll.

Als Gegenmittel kann bei VX wie bei den meisten Nervenkampfstoffen kontinuierlich Atropin verabreicht werden, dazu das Antidot Obidoximchlorid und Valium. VX ist anders als etwa Senfgas kein Hautkampfstoff und verursacht keine Blasen beim Kontakt mit der Körperoberfläche, wie fälschlich in dem Actionfilm "The Rock - Fels der Entscheidung" dargestellt.

© SZ.de/pkr/fehu

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