Umstrittene Therapieformen Gut gemeint, Geld versenkt

Homöopathische Behandlungsformen werden in den USA oft über Crowdfunding-Plattformen finanziert, das zeigt eine aktuelle Untersuchung.

(Foto: dpa)
  • New Yorker Wissenschaftler haben die größte Social-Media-Plattform, auf der um Spenden für medizinische Behandlungen geworben wird, analysiert.
  • Besonderes Augenmerk richteten sie dabei auf Behandlungsformen, die wissenschaftlich nicht belegt sind oder gar als gefährlich gelten.
  • Die Plattform hat nach eigenen Angaben im Jahr 2016 mehr als drei Milliarden Dollar eingeworben; 2015 war es erst eine Milliarde Dollar gewesen.
Von Werner Bartens

Manchmal sind Mitgefühl und Hilfsbereitschaft offenbar größer als die analytische Schärfe. So muss man wohl die Auswertung von Ärzten aus den USA im Fachmagazin JAMA verstehen. Das Team um den Medizinethiker Arthur Caplan von der New York University konnte zeigen, dass auch für medizinisch umstrittene Behandlungen erstaunlich viel Unterstützung über sogenannte Crowdfunding-Plattformen gewonnen werden kann.

Die New Yorker Wissenschaftler hatten auf GoFundMe, der größten Social-Media-Plattform, auf der um Spenden für Bedürftige oder Benachteiligte geworben wird, nach besonders häufig aufgerufenen Behandlungsformen gesucht, die wissenschaftlich nicht belegt waren oder gar als gefährlich galten. GoFundMe hat nach eigenen Angaben im Jahr 2016 mehr als drei Milliarden Dollar eingeworben; 2015 war es erst eine Milliarde Dollar gewesen.

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Unter den Kampagnen, die seit Ende 2015 bis Ende 2017 gestartet wurden, gab es mehr als 1000, mit denen umstrittene Verfahren wie Homöopathie und Naturheilkunde gegen Krebs, die hyperbare Sauerstofftherapie bei Hirnschäden, die Stammzellbehandlung bei Verletzungen des Rückenmarks oder des Gehirns und die Dauergabe von Antibiotika bei chronischer Borreliose unterstützt werden sollten und die 6,7 Millionen Dollar einnahmen. Allein 474 Kampagnen hatten sich die homöopathische oder naturmedizinische Behandlung von Tumoren zum Ziel gesetzt. Den beiden letztgenannten Therapierichtungen kamen etwa 3,4 Millionen Dollar zugute.

"Wir müssen annehmen, dass die Methode des Medical Crowdfunding für zahlreiche problematische Behandlungsformen verwendet wird", schreiben die Autoren um Caplan. "Offenbar sind derartige Initiativen in gewissem Maße erfolgreich." Den Spendern sei oft gar nicht bewusst, dass sie auf diese Weise indirekt dubiose Verfahren und selbsternannte Heiler mit Millionenbeträgen unterstützen.

Berichte über schwere Schicksale sollen die Spendenbereitschaft wecken

Die Methoden des Crowdfundings folgen oft ähnlichen Mustern: Das Einzelschicksal nach einem Unfall oder bei schwerer Krankheit wird ausgebreitet und soll das Mitgefühl potenzieller Spender wecken. Häufig taucht in diesen Geschichten auch das Motiv auf, dass die Pharmaindustrie eine angeblich dringend erforderliche Therapie nicht bezahlen will oder andere Akteure im Gesundheitswesen ihre Hilfe verweigern. Deshalb brauche es die Solidarität der User im Netz.

Tatsächlich gibt es immer wieder Fälle, in denen Schwerkranke nach ihrer Entlassung aus Kliniken und Reha-Einrichtungen Unterstützung brauchen und auf Geldspenden angewiesen sind, um ihren Alltag halbwegs bewältigen zu können. Nicht alle Umbauten für Behinderte und entsprechende Hilfsgeräte werden von den Kassen übernommen. Dann ist Hilfe sinnvoll und kann äußerst segensreich wirken. Bevor die Hilfsbereitschaft siegt, sollte aber ein kritischer Blick auf die Ziele der Spendenkampagne erfolgen. Großzügigkeit allein reicht nicht.

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