Krebsmedizin Die Wünsche der Patienten bleiben auf der Strecke

Zudem ist mehr Aufrichtigkeit gefragt. Gerade in der Medizin heißt neu nicht besser. Innovativ ist nicht gleich kurativ. Mit Ausnahme der erwähnten Mittel haben Hunderte vergleichbarer Substanzen enttäuscht. In mancher Studie wird das trotzdem als großer Nutzen hingebogen. Gerade ist eine Analyse hundert hochrangiger Studien zur Krebsmedizin erschienen. Nur in sechs der 100 Studien wurde erhoben, wie es den Kranken unter der Therapie mit den neuen Mitteln ging. Die Wünsche der Patienten in ihren letzten Wochen und Monaten bleiben auf der Strecke. Manche Krebsärzte sprechen bei der personalisierten Medizin deshalb von Science-Fiction und beklagen die Geschäftemacherei mit der Not Kranker.

Dass Erwartungen überzogen sind und Patienten geblendet, daran sind auch Ärzte beteiligt. Nicht aus bösem Willen, sondern weil sie der Faszination des Neuen erliegen oder die molekularen Modelle der Behandlung so bestechend finden und dabei vergessen, dass sie in der Praxis nicht hilft. Der Imperativ, eben auch dann noch "etwas tun" zu wollen, wenn Innehalten und Abschied vielleicht angemessener wären, ist im ärztlichen Denken tief verankert. Es ist schwer, den Tod nicht durch Aktivismus zu verdrängen und gemeinsam mit den Patienten herauszufinden, was zum Schluss das Beste für ihn sein mag.

Politisch ist wenig Einsicht zu erkennen. Es geht in der Gesundheitspolitik seit Jahren kaum um das, was gesund macht, sondern darum, was den Umsatz antreibt. Es ist zwar billig, immer nach Regulierung durch den Staat zu rufen. Die Exzesse der Industrie lassen sich aber kaum anders eindämmen. Anreize, die Versorgung der Patienten mit bewährten Arzneien zu gewährleisten und die Betreuung am Lebensende zu stärken, gibt es zu wenige. Das ungesunde, aber marktkonforme Verhalten der Pharmaindustrie wird nicht genügend unterbunden. Der Passus, Firmen zur Lieferung bewährter Mittel zu verpflichten, wurde im Gesetz gelockert. Mondpreise für Medikamente mit unklarem Nutzen werden nicht verhindert.

Kranke stehen im Extremfall vor leeren Regalen, weil Arzneien fehlen - oder sie sind enttäuscht von leeren Versprechen, weil die angeblichen Wundermittel nicht wirken. Um die Ängste der Patienten kümmern sich die Mediziner zu wenig, denn auch das bringt kaum Geld. Gesund ist das alles nicht.