Internetabhängigkeit:Elektronisch gefesselt

Lesezeit: 4 min

Jugendliche Kinder Computer Handy Überwachung

PC-Kenntnisse sind heute wichtig. Doch wer die reale gegen die virtuelle Welt eintauscht, ist gefährdet.

(Foto: Jens Wolf/dpa)

Macht das Internet abhängig? Die Frage ist offiziell nicht geklärt. Doch wer mit Jugendlichen zu tun hat, die 16 Stunden pro Tag vor dem PC sitzen, sagt: Rollenspiele und soziale Netzwerke bergen ein Suchtpotenzial, das von vielen unterschätzt wird - allen voran von Eltern.

Von Katrin Neubauer

Kaum zur Tür herein, wirft der Junge den Schulranzen in die Ecke und schaltet als Erstes den Computer ein. Das Smartphone ist ohnehin stets griffbereit. Bereits Schulanfänger werden von ihren Eltern mit Internethandy, iPad und PC versorgt. Erhebungen zufolge haben inzwischen 97 Prozent der 12- bis 19-Jährigen Zugang zu einem internetfähigen Handy und 82 Prozent einen eigenen Computer im Zimmer.

Doch wieviel Leidenschaft für die Technik ist normal? Ist es schon Sucht, wenn ein Jugendlicher immer mehr Zeit am PC verbringt? Die Weltgesundheitsorganisation, nach deren Kriterien in Deutschland psychiatrische Diagnosen gestellt werden, erkennt so etwas wie eine Internetabhängigkeit nicht an. Auch in den USA, wo ein eigener psychiatrischer Diagnose-Katalog gilt, ist diese Form der Abhängigkeit nicht als Krankheit akzeptiert. Wissenschaftler, die vor kurzem das einflussreiche amerikanische Diagnose-Handbuch DSM-5 überarbeiteten, empfahlen jedoch, die "Internet Gaming Disorder" zu beobachten und besser zu erforschen.

Denn es gibt es die Menschen, deren Leben sich zunehmend um das Netz dreht. "Das Abhängigkeitspotenzial des Internets wird absolut unterschätzt", meint Gabriele Farke, Gründerin des Vereins "Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige e.V". Gerade für Online-Spiele seien Kinder- und Jugendliche besonders gefährdet. Im Pixelrausch verlören sie die Kontrolle über sich und die Zeit. Täglich zehn, zwölf, 16 Stunden am PC seien keine Seltenheit. "Nächte werden durchgezockt, manchmal Wecker gestellt, um international mitspielen können", berichtet sie. Durch den mobilen Zugang über Smartphones sei es "noch schlimmer" geworden. "Viele können sich nicht mal in der Beratung von ihrem Bildschirm trennen", sagt Farke, die auch das Suchthilfe-Portal www.onlinesucht.de betreibt.

Wann das Spiel zur Sucht wird, ist schwer einzuschätzen. Ein Indiz ist die Zeit. Schweizer Psychologen sehen ab einer Wochenspielzeit von 35 Stunden das gesunde Maß als überschritten an. Selbsthilfevereine halten schon 25 Stunden pro Woche für bedenklich. Ausschlaggebend ist dabei vor allem, inwieweit der PC persönliche Bindungen ersetzt.

Hirnveränderungen beim Spielen

"Die Sucht beginnt, wenn die virtuelle Welt das eigene Leben dominiert, die Gedanken nur noch um den Cyberspace kreisen, Hobbys und Freundschaften, ja selbst der Kontakt zur Familie dafür aufgegeben werden", sagt Rainer Thomasius ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Die Einrichtung therapiert im Jahr 1300 bis 1500 abhängige Kinder und Jugendliche, davon 300 Onlinesüchtige. Tendenz steigend.

"In Studien wurde eine erhöhte Aktivität des Suchtgedächtnisses während des Spielens nachgewiesen", sagt Thomasius. Dabei komme es zu einer verstärkten Ausschüttung des Hirnbotenstoffes Dopamin, der für das Belohnungssystem verantwortlich ist. "Der einzige Unterschied zu stofflichen Drogen ist, dass das Suchtgedächtnis nicht durch eine Substanz, sondern durch optische und akustische Eindrücke stimuliert wird", erläutert der Arzt.

In einer vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie werden rund 560.000 Menschen als internetsüchtig eingestuft. Weitere 2,5 Millionen fallen in die Kategorie der "problematischen Internetnutzer". Junge Nutzer bilden die größte Gruppe der Online-Süchtigen. So gelten der Erhebung zufolge zirka 250.000 der 14- bis 24-Jährigen als abhängig. Betroffen sind Mädchen und Jungen gleichermaßen. In der Altersgruppe der 14- bis 16-Jährigen wurden sogar mehr Mädchen (4,9 Prozent) als Jungen (3,1 Prozent) als süchtig ermittelt. Während sich die weiblichen Nutzer vor allem im Sog der sozialen Netzwerke wie Facebook verlieren, kleben Jungs hauptsächlich für Online-Rollenspiele am Bildschirm.

Doch warum fühlen sich viele Kinder und Jugendliche so stark vom Internet angezogen? Studien weisen darauf hin, dass das Internet Usern ermöglicht, ihre Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit zu befriedigen, wenn ihnen die wirkliche Welt dies versagt. Psychologen sind sich einig, dass problematische, konfliktreiche und unbefriedigende Beziehungen im Familien- und Freundeskreis dazu beitragen, dass sich Jugendliche hinter den Bildschirm zurückziehen. Der Schweizer Psychologe und Suchtexperte Franz Eidenbenz sieht beispielsweise einen direkten Zusammenhang zwischen Bindungsstörungen und Online-Sucht.

Ein zusätzliches Suchtrisiko seien zudem bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. "Es gibt niemanden, der das Kriterium Computersucht erfüllt und nicht gleichzeitig noch andere psychische Störungen hat", betont Thomasius. Sozialphobische Störungen, Depressionen, ADHS oder massive Selbstwertprobleme können die Abhängigkeit vom PC begünstigen. Online-Rollenspiele, wie "World of Warcraft", bieten dann eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich mit mächtigen und kompetenten Spielfiguren zu identifizieren und wenigstens in der virtuellen Welt als Sieger dazustehen. Das macht es auch besonders schwierig, von der Droge zu lassen.

Ein Tag pro Woche computerfrei

Pathologischer Internetgebraucht wird - wie jede andere Sucht auch - in spezialisierten Kliniken oder Ambulanzen therapiert. Auch die meisten Suchtberatungsstellen haben sich schon auf die neue Klientel eingestellt. Da Internetsucht immer zusammen mit anderen Störungsbildern auftritt, können die Kosten für den Entzug über die Nebendiagnose bei den Krankenkassen abgerechnet werden. In der Hamburger Klinik wird Internetsucht zum Beispiel als "Impulskontrollstörung" klassifiziert.

In den Therapiesitzungen lernen Abhängige, ihre Online-Zeiten stark zu reduzieren, sagt Thomasius. Jene Seiten oder Applikationen, die in die Anhängigkeit führten, sind tabu. In der Therapie werden Patienten dabei unterstützt, vernachlässigte Aktivitäten und Kontakte wieder aufzubauen. Parallel dazu geht es darum, die Selbstwahrnehmung zu stärken und herauszufinden, welche Probleme im Hintergrund der Sucht zu finden sind.

"Wir analysieren mit den Betroffenen Faktoren, die sie in die Versuchung führten, und üben Handlungsweisen, wie sie ihnen künftig widerstehen können", sagt Klaus Wölfling, Leiter der Ambulanz für Spielsucht an der Psychosomatischen Klinik der Universitätsmedizin Mainz. Die Rückfallquote unter Online-Süchtigen liegt in der Mainzer Ambulanz nach einem Jahr bei rund 50 Prozent.

Wölfling erlebt häufig, dass hinsichtlich des Abhängigkeitsrisikos große Ahnungslosigkeit herrscht. "Patienten, die zu uns kommen, sind oft überrascht, dass sie süchtig geworden sind", berichtet der Psychologe. Erhebliches Suchtpotenzial böten neben dem bekannten Rollenspiel "World of Warcraft" auch die Internetspiele "MineCraft", "League of Legends", FIFA-Spiele, kombiniert mit Geldwetten, sowie Facebook.

"Ich würde mir wünschen, dass es für das Suchtmittel Internet ein ähnliches Bewusstsein gäbe wie für Drogen", sagt Thomasius. Gerade Eltern hätten einen großen Nachholbedarf. Der Suchtexperte plädiert hier für eine Mischung aus Anleitung und Restriktionen. Erwachsene sollten klare Zeitgrenzen setzen und Computer nicht ins Kinderzimmer stellen. Es sei wichtig, dass sich Eltern für die Spiele ihrer Kinder interessieren und sich damit auseinandersetzen.

Thomasius rät zudem, mindestens einen Tag pro Woche computerfrei zu lassen. Zur Vorbeugung gehöre auch, andere Interessen und Hobbys jenseits des Internets zu fördern, bei denen Kinder und Jugendliche Selbstbestätigung finden. Dann müssen sie nämlich nicht im Netz danach suchen.

Mehr zum Thema Abhängigkeit lesen Sie in unserem Ratgeber Suchterkrankungen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema