Infektionsmedizin EU lässt Anti-HIV-Pille zu

Aids-Präventionsmittel 'Truvada'

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit der Freigabe der "Prä-Expositionsprophylaxe", kurz Prep, beginnt in Europa eine neue Phase im Kampf gegen Aids. Aber wer bezahlt die teure Therapie?

Von Christoph Behrens

Die EU-Kommission hat im Jahr 2016 erstmals ein Medikament zur Vorbeugung einer HIV-Infektion zugelassen. Das Arzneimittel "Truvada" des US-Herstellers Gilead kann seitdem zur Prophylaxe gegen das Immunschwächevirus verschrieben werden. Die tägliche Einnahme der Pillen des US-Herstellers Gilead soll ähnlich wie die Benutzung eines Kondoms die sexuelle Übertragung des Erregers verhindern. Als Zielgruppe gelten vor allem homosexuelle Männer, die in Deutschland nach wie vor ein besonders hohes Risiko für eine HIV-Ansteckung haben.

Mit der Freigabe der "Prä-Expositionsprophylaxe", kurz Prep, begann in Europa eine neue Phase im Umgang mit Aids. Bereits seit 2005 wurden HIV-Infizierte mit Truvada behandelt, in Kombination mit anderen Präparaten unterdrückt es die Vermehrung des HI-Virus und verhindert damit den Ausbruch von Aids. HIV-Positive haben dank der antiretroviralen Therapie mittlerweile eine annähernd normale Lebenserwartung. Die Behandlung wurde auch auf gesunde Personen mit hohem Ansteckungsrisiko ausgeweitet. Fachleute setzen große Hoffnungen in die Methode. So konnten Studien aus Großbritannien und Frankreich unter homosexuellen Männern zeigen, dass die vorbeugende Behandlung mit Truvada das Risiko einer HIV-Ansteckung um rund 86 Prozent im Vergleich zu einer Kontrollgruppe senkt.

Ein Team der Washington University konnte bei einer Untersuchung von 1000 Paaren in Kenia und Uganda sogar eine 94-prozentige Reduktion des Infektionsrisikos nachweisen. In den USA ist Truvada zur Prävention seit 2012 zugelassen, andere Länder wie Südafrika, Kanada und Kenia haben nachgezogen.

Jährlich infizieren sich etwa 3200 Personen in Deutschland mit HIV

"Der Schutz ist bei zuverlässiger Einnahme genauso gut wie durch ein Kondom", sagt Annette Haberl vom HIV-Zentrum am Universitätsklinikum Frankfurt. Allerdings werde die existierende Prävention, also zum Beispiel Aufklärung über Safer Sex, nicht fallengelassen, betont die Medizinerin, "sondern es kommt ein zusätzlicher Baustein hinzu". Dieser sei in Deutschland vor allem für eine kleine Gruppe homosexueller Männer sinnvoll, "eine Zielgruppe, die es nicht immer schafft, konsequent ein Kondom zu benutzen", sagt Haberl. Zahlen des Robert Koch Instituts zufolge infizieren sich jährlich etwa 3200 Personen in Deutschland mit HIV, davon sind zwei Drittel homosexuelle Männer. "Wir haben nach wie vor stabile Infektionsraten - weil wir für bestimmte Gruppen nach wie vor kein wirksames Mittel gegen Ansteckungen haben", sagt Hans-Jürgen Stellbrink vom Infektionsmedizinischen Centrum Hamburg.

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Die konsequente Nutzung eines Kondoms könne man eben nicht erzwingen. Der Experte plädiert daher für einen sehr gezielten Einsatz von Prep. "Den Menschen, die ein wirklich hohes Risiko haben, sollte man es anbieten", sagt Stellbrink. Damit einhergehen müsse aber eine umfassende Begleitung durch Ärzte - und ein regelmäßiges Screening auf eine HIV-Infektion oder andere Geschlechtskrankheiten. Vermehrte Aufklärung, wie sie Mediziner weiterhin fordern, könnte zudem gegen ein zweites Problem helfen: "Wir beobachten vor allem bei Jüngeren eine vermehrte Risikobereitschaft", sagt Stellbrink. Damit einher gehe auch ein Anstieg von anderen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper in den letzten Jahren.

Der HIV-Schutz droht zu verwässern, falls Nutzer die Tabletten nicht jeden Tag schlucken

Die EU-Kommission knüpft die Zulassung des Präventivmedikaments an enge Auflagen. Anwender müssten genau über die Schutzwirkung aufgeklärt werden: So droht der HIV-Schutz zu verwässern, falls Nutzer die Tabletten nicht jeden Tag schlucken.

Unklar ist jedoch, wie das Mittel finanziert werden soll. Derzeit liegen die Kosten bei etwa 800 Euro pro Monat. Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV), schloss gegenüber der SZ aus, dass die Kassen die Kosten für Prep übernehmen. "Mit dem Kondom gibt es eine deutlich günstigere Methode zur Vorbeugung", sagte Lanz. Sexuelle Vorlieben gehörten zur individuellen Lebensführung, "nicht zum Aufgabenspektrum der gesetzlichen Krankenkassen".

Die Deutsche Aids-Hilfe fordert hingegen eine Übernahme der Kosten. "Es geht nicht um Lifestyle, sondern darum, Menschen vor einer schweren chronischen Erkrankung zu schützen", sagt der Sprecher des Vereins Holger Wicht. Die meisten Homosexuellen würden sehr konsequent Kondome benutzen, betont Wicht, es gehe lediglich um eine kleine Gruppe von Personen, für die man schnell eine Lösung für die Finanzierung brauche. Zugleich müsse der Hersteller Gilead die Kosten für das Medikament in der Prävention senken, fordert Wicht. Frankreich hat das Medikament bereits eigenständig zugelassen und übernimmt sogar die Kosten für Personen mit hohem Risiko. Etwa 1500 Franzosen nutzen Truvada zur Prävention bereits, schätzen französische Aids-Forscher.

Möglicherweise entschärft sich das Kostenproblem von selbst. Der Patentschutz für einen der Wirkstoffe ist 2017 ausgelaufen, seitdem sind erste generische Medikamente zu einem niedrigeren Preis auf den Markt gekommen.