Streit um Feinstaub-Belastung Ein Gesundheitsproblem, das jeden betrifft

Ab welcher Schadstoffmenge wird die Luft an einer Straße gefährlich?

(Foto: Florian Gaertner/photothek/imago)
  • Etwas mehr als 100 Lungenexpertinnen und -experten schreiben in einer Stellungnahme, die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide seien viel zu streng.
  • Doch die Gefahren durch Luftverschmutzung sind aus Dutzenden Studien gut belegt.
Von Werner Bartens

Die Vorwürfe des Lungenfacharztes Dieter Köhler sind an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Von "Ideologisierung" und "fehlender wissenschaftlicher Basis" ist in seinen Stellungnahmen die Rede, die zu "hektischer Aktivität in Berlin" führen würden. Werden derart emotional besetzte Begriffe benutzt, ist das ein Zeichen dafür, dass es nicht allein um die Sache geht. Wie auch, wenn im Mittelpunkt der Diskussion der Deutschen liebstes Spielzeug steht: das Auto und besonders das, was hinten rauskommt?

Um die Frage, wie gefährlich Abgase tatsächlich sind, ist ein heftiger Streit entbrannt. Damit verbunden ist die politische Entscheidung, ob im Autoland Deutschland Fahrverbote und Tempolimits drohen. Oder sind die Grenzwerte willkürlich, Fahrverbote übertrieben und nur der Umwelt-Hysterie der Deutschen geschuldet?

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Derjenige, der Sinn und Höhe der Grenzwerte anzweifelt, ist Dieter Köhler, ein 70-jähriger Pneumologe, früher Chefarzt einer Lungenfachklinik im Hochsauerland und zwei Jahre Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP). Köhler ist medienerfahren und bekannt für seine Ansichten. Den Mitgliedern seiner Fachgesellschaft teilte er jüngst schriftlich mit, dass er sich mit der Gesundheitsgefährdung durch Abgase besonders gut auskennt: "Ich gehöre zu den wenigen Experten in diesem Bereich."

Als Experte erfährt man in Deutschland viel Aufmerksamkeit, erst recht, wenn man wie Köhler dieser Tage behauptet, "dass es keine relevante Gefährdung bei einer geringen Überschreitung der Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub gibt". Wer anderer Ansicht sei, habe eben wissenschaftlich kaum Ahnung, übersehe die systematischen Fehler früherer Untersuchungen und lasse sich von falschen Vorannahmen leiten. Nachdem die Diskussion bereits Ende 2018 im Deutschen Ärzteblatt geführt wurde, wovon aber kaum jemand Notiz nahm, hat Köhler jetzt ein Positionspapier erstellt, das mehr als 100 Fachkollegen unterzeichnet haben. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie, also der Zusammenschluss der Lungenexperten, hat allerdings etwa 4000 Mitglieder.

Die Bevölkerung in Deutschland verliert durch Luftverschmutzung jährlich 600000 Lebensjahre

In dem Positionspapier wie auch in früheren Arbeiten behauptet Köhler, dass die bisherigen Daten zur Luftverschmutzung "extrem einseitig interpretiert wurden". Angeblich seien Wissenschaftler voreingenommen an die Frage herangegangen, "immer mit der Zielvorstellung, dass Feinstaub und Stickoxide schädlich sein müssen". Dabei handele es sich bei dem Zusammenhang zwischen Schadstoffbelastung und Gesundheitsrisiken lediglich um eine Korrelation, nicht um Kausalität. Vielmehr seien Faktoren wie Lebensstil und andere Umweltbedingungen der Grund dafür, dass Menschen an stark befahrenen Straßen eher erkranken und früher sterben.

Holger Schulz, Direktor des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München, hat mehrere Studien zu den Gefahren durch Luftverschmutzung geleitet. Erst kürzlich forderte er mit anderen Experten im Namen der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie Politik, Industrie und Bevölkerung zum Umdenken auf, um endlich mehr Regularien und Anreize zur Schadstoffvermeidung zu schaffen. "Wir haben es mit einem enormen Gesundheitsproblem zu tun, das praktisch jeden einzelnen Bürger betrifft und dem sich niemand entziehen kann", sagt Schulz. "Das lässt sich nicht wegdiskutieren." Die Bevölkerung in Deutschland verliere durch Luftverschmutzung jährlich 600 000 Lebensjahre, so seine Berechnung. Neben Lungenkrebs, Infarkt und Schlaganfall gebe es auch einen Zusammenhang zwischen Schadstoffen in der Luft und Leiden wie Diabetes und Demenz.

Auf den Furor angesprochen, mit dem Dieter Köhler die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid angreift, hat Schulz nur die Erklärung, dass dem Chefarzt im Ruhestand zunehmend die Offenheit für die Argumente der anderen fehle. Viele Behauptungen, die Köhler in den Raum stellt, würden einfach nicht stimmen, so Schulz. "Es ist wie bei einem Puzzle mit zehntausend Teilen", sagt Schulz. "Da kann man auch nicht nur ein Teil ansehen. Die Konzentration der Schadstoffe allein sagt beispielsweise wenig aus, es geht auch um die Größenverteilung und die chemische Zusammensetzung, um die Gesundheitsgefahr zu bewerten."

Wer Stickoxide begrenzt, begrenzt auch die Gefahren durch andere Schadstoffe in der Luft

Im Fall der Luftschadstoffe, die aus Autoabgasen, aber auch vom Abrieb der Reifen und aus der Industrie stammen, handelt es sich um bis zu tausend verschiedene Substanzen, die das Atmen in Ballungsräumen schwer machen. Schulz führt große epidemiologische Studien an, darunter Langzeituntersuchungen, zudem Tierversuche und Laborstudien. Zusammengenommen ergebe sich daraus das Bild, dass von Schadstoffen wie Feinstaub und Stickoxiden eine große Gesundheitsgefahr ausgeht.

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"Wir atmen Milliarden ultrafeine Teilchen in die Lunge ein, die können wir noch gar nicht alle erfassen", sagt Schulz. "Aber manche davon dringen in die Blutbahn ein, ins Gehirn und gelangen sogar über die Plazenta zum Fetus." Stickstoffdioxid sei nicht nur selbst schädlich, sondern auch ein Indikator für die Belastung durch andere Luftschadstoffe, zu denen auch Ruß, Ozon, Kohlendioxid und etliche gefährliche aromatische Kohlenwasserstoffe gehören. Das heißt, wer Stickoxide begrenzt, begrenzt auch die Gefahren durch andere schädliche Stoffe in der Luft.

Auch Köhlers Vergleich, dass es kein typisches "Vergiftungsmuster" für Feinstaub, Stickoxide und Co. gebe, und Raucher trotz der Belastung auch nicht nach einem halben Jahr tot umfallen, entkräftet Schulz. "Bei einem jungen, gesunden Raucher sehen wir sehr wohl detailliert Entzündungszeichen in der Lunge und im Blut - das ist beim Zigarettenrauch ähnlich wie bei Feinstaub und Stickoxiden", so der Arzt und Epidemiologe. "Ich will keine Panik schüren, aber auf die Belastung hinweisen. Und wir können nicht so weitermachen mit unserer ungebremsten Mobilität: Schauen sie mal, wie viel Platz in unseren Städten für Spielplätze vorhanden ist - und wie viel für Parkplätze."

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