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Depressionen:Hilfreicher Stromschlag ins Gehirn

Die Elektrokrampftherapie kann schwerste Depressionen lindern. Doch Patienten mit Stromstößen zu behandeln, weckt Ängste und beschwört das Bild einer menschenverachtenden Psychiatrie. Deshalb wird die Methode nur selten eingesetzt

Thomas Wagner-Nagy

Der Psychiater aktiviert den Stromfluss. Sofort fällt der Kopf seiner Patientin in den Nacken. Ihr Körper verkrampft sich und wirkt schmerzverzerrt - obwohl sie tief schläft. Was wie eine Hinrichtungsmethode anmutet, soll Menschen vor dem Tod bewahren. Nach acht Sekunden wird der Strom abgestellt. Marlene Weidmanns (Name geändert) Körper beginnt zu beben, ein Krampfanfall setzt ein. Er ist gewollt.

Elektrokrampftherapie an der Psychiatrischen Uniklinik in München, 2006

Geräte zur Elektrokrampftherapie an der Psychiatrischen Uniklinik in München. Die Behandlung scheint Patienten mit Depressionen zu helfen - auch wenn unklar ist, wie.

(Foto: CATH)

Am heftigsten zittern die Beine. Ihr Puls rast auf 140 Schläge pro Minute hoch. Haltevorrichtungen am Bett sollen verhindern, dass Patienten herunterfallen. Nach 45 Sekunden ist alles vorbei. Der Körper beruhigt sich. Nach drei Minuten setzt die Muskelaktivität wieder ein, die zuvor durch ein Relaxans unterdrückt wurde.

Marlene Weidmann liegt auf dem Narkosetisch der Depressionsstation C1 der Münchner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Am meisten Sorgen schien ihr vorher der Nadelstich für den Katheter zu machen. Dabei wird mehrmals wöchentlich Strom durch ihr Gehirn geleitet. Unter Vollnarkose und strenger Aufsicht.

Das Verfahren nennt sich Elektrokrampftherapie (EKT) und ruft bei vielen Menschen schaurige Assoziationen hervor. Vielleicht deshalb bevorzugen Ärzte den Begriff Elektrokonvulsionstherapie, der nicht ganz so martialisch klingt. Die Behandlung soll das Leiden von Patienten mit schwersten Depressionen lindern. Durch einen etwa acht Sekunden langen Stromfluss ins Gehirn springen sämtliche Neuronen an. Alle Muskeln werden gleichzeitig stimuliert, was zu einem epileptischen Anfall führt. Er soll neuronale Verknüpfungen beeinflussen und dadurch die Depression bekämpfen.

Bei Marlene Weidmann war es die Geburt ihres Sohnes, die die 41-Jährige aus dem Berufsleben und in den Abgrund riss. "Als das Kind ständig krank war und dazu noch ein motorischer Entwicklungsrückstand diagnostiziert wurde, ist mir erst die große Verantwortung bewusst geworden, die ich als Mutter trage", sagt sie. "Das war in dem Moment einfach zu viel." Sie beging mehrere Suizidversuche, bis sie ihr Ehemann ins Krankenhaus brachte. Es folgte die klassische Behandlung mit Antidepressiva. Doch auch verschiedene Medikamente halfen nicht gegen die akute Depression. Die Ärzte empfahlen ihr die EKT.

Seit den 1930er Jahren wird die EKT zur Behandlung schwerster Depressionen und Katatonien, also lebensgefährlichen Verkrampfungen des gesamten Körpers, eingesetzt. Das Verfahren wurde stetig weiterentwickelt, um die Schmerzen der Patienten zu minimieren. "Früher kam es teils zu so heftigen Krampfanfällen, dass sich die Patienten durch die Zuckungen Arme und Beine brachen. Heute verabreichen wir ihnen ein Mittel zur Muskelentspannung, um das zu vermeiden", sagt der behandelnde Arzt.

Ein bisschen frustrierend ist das manchmal schon, weil wir mit etwas arbeiten, das wir nicht verstehen", sagt Anästhesist Thomas Reiter, während er die Körperfunktionen seiner Patientin in der Aufwachphase überprüft. In der Tat ist über den eigentlichen Wirkmechanismus der EKT so gut wie nichts bekannt.

Zwar sprach sich der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer schon 2003 klar für die EKT als "bestmögliche Behandlung für bestimmte psychiatrische Erkrankungen" aus, ließ aber offen, wieso die Methode eigentlich helfen soll.

Mittlerweile wissen Forscher, dass manche Hirnareale bei depressiven Patienten stärker vernetzt sind und miteinander kommunizieren als bei gesunden Menschen. Diese Hyperkonnektivität zu reduzieren, verspricht also Erfolg bei der Therapie von Depressionen.

Eine Studie an der britischen University of Aberdeen unter der Leitung von Christian Schwarzbauer hat nun ein wenig mehr Licht ins Dunkel gebracht. Die Wissenschaftler konnten mithilfe von Kernspintomographie im Vorher-Nachher-Vergleich zeigen, dass die Hyperkonnektivität in den Gehirnen der Patienten nach einer EKT-Behandlung stark abnahm.

Je stärker der Stromschlag die Überaktivität senken konnte, desto besser fühlten sich die Patienten hinterher. Allerdings nahmen nur neun Patienten an der Studie teil, nicht gerade viel. Nun bedeutet eine geringe Anzahl an Probanden nicht zwingend, dass die Studie wertlos ist. Fest steht aber, dass die Datenlage in Bezug auf den Wirkmechanismus der EKT weiterhin dünn ist.

Dessen ungeachtet, bekräftigten jüngst die psychiatrischen Fachgesellschaften in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol in einer gemeinsamen Erklärung die Wirksamkeit der EKT und betonten, dass sich das Risiko für lebensgefährliche Komplikationen kaum von dem einer üblichen Kurznarkose unterscheide. Die Fachgesellschaften sprechen sich dafür aus, die EKT künftig nicht mehr nur als Ultima Ratio, sondern früher im Behandlungsverlauf einzusetzen.

Besser als Medikamente?

So weit gehen die meisten Experten in der Fachliteratur nicht. Studien, die klären sollen, ob die EKT in manchen Fällen der medikamentösen Therapie vorzuziehen ist, sind derzeit nur in Planung. Bei der Frage nach der Wirksamkeit der EKT herrscht indes weitestgehend Einigkeit. Klaus Elbmeier vom Institut für Psychiatrie der Universität Oxford hat in einem Übersichtsaufsatz die wichtigsten Studienergebnisse zur EKT der vergangenen drei Jahre zusammengetragen.

Er kommt zu dem Schluss, die EKT sei "eine sichere und effektive Behandlung gegen Depressionen". Zudem erholten sich die Patienten schnell und bei mehr als 60 Prozent ließen die Symptome der Depression innerhalb von drei Wochen nach.

Auch bei Anja Röder (Name geändert) zeigten die Elektroschocks schnelle Erfolge. Die Geschichte der 50-jährigen Bankkauffrau klingt wie der direkte Horrorpfad in die Depression: Als Kind wurde sie von ihrer Tagesmutter in eine dunkle Kammer gesperrt und musste zudem sexuelle Übergriffe auf ihre Schwester mit ansehen. Letztere wurde damals therapiert.

Anja Röders Trauma geriet zu dieser Zeit in Vergessenheit. Die Depression kam erst viel später hervor. Im Jahr 2009, nach einem Urlaub, als große berufliche Veränderungen anstanden. "Nach der vierten Behandlung spürte ich eine deutliche Besserung", erinnert sie sich. Nach der zehnten Sitzung erschien sie geheilt, doch die Depression kehrte nach zwei Wochen schubweise zurück.

Das ist nicht ungewöhnlich. Spätestens nach sechs Monaten müssen sich vier von fünf Patienten einer neuen Therapie unterziehen. Ein Indiz dafür, dass der unspezifische Stromschlag der EKT nur die Symptome, nicht aber die Ursache der Krankheit bekämpft.

Wenn man wüsste, welches Untersystem genau betroffen ist, könnte man gezielter eingreifen. Das wäre der Traum", sagt Oliver Pogarell, ebenfalls Psychiater an der Münchner Klinik. Etwa 1000 Patienten behandeln er und seine Kollegen pro Jahr. Eine Serie besteht typischerweise aus zwölf Sitzungen über einen Zeitraum von vier Wochen. "Der Bedarf ist groß und wir können ihn hier nicht decken", sagt er. Deutschlandweit lehnen viele seiner Kollegen die EKT ab, "aus Sorge, man würde in neuronale Netzwerke eingreifen und dadurch letztlich die Identität des Patienten verändern".

Andere Methoden wie Schlafentzug und Lichttherapie halfen Anja Röder nicht. 2012 begann sie eine neue Therapie. Diesmal mit mehr Erfolg. Nach der abgeschlossenen Serie erhält sie jetzt in größer werdenden Abständen eine sogenannte Erhaltungs-EKT. "Wenn ich merke, es geht wieder bergab, würde ich sofort nach einer EKT fragen", sagt sie. Die deutlichsten Anzeichen der Besserung sind auch die banalsten: "Mein Gesichtsausdruck wurde freundlicher, ich habe wieder angefangen zu lächeln."

Langsam kommt Marlene Weidmann wieder zu sich. Die berüchtigten heftigen Kopfschmerzen bleiben bei ihr als Begleiterscheinung aus. Nach zehn Minuten kann sie wieder sprechen. Auf die Frage, ob sie sich an das Gespräch vor der Behandlung erinnert, antwortet sie mit einem zögerlichen "Nein" und schaut fragend zu Felix Segmiller, ihrem Psychiater, dessen Gesicht ihr nach einem halben Jahr Klinikaufenthalt vertraut ist. Kurz darauf scheint die Erinnerung doch bruchstückhaft wiederzukehren.

Der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses ist eine der problematischsten Begleiterscheinungen der EKT. So kann es passieren, dass sich Patienten über einen Zeitraum von mehreren Wochen neue Dinge nur wenige Minuten lang merken können. "Das kann schon mal vorkommen, legt sich mit der Zeit aber wieder", sagt Segmiller. Wie Studien bestätigen, kommt es in seltenen Fällen auch zu einer retrograden Amnesie, bei der sich die Patienten auch an Ereignisse aus der Vergangenheit nicht erinnern können. Auf Schäden an der Hirnstruktur der Patienten gibt es indes keine Hinweise.

Bleibt die Frage, weshalb die Methode nach wie vor verpönt ist und eher selten zum Einsatz kommt, obwohl nur selten schwere, anhaltende Nebenwirkungen auftreten. Segmillers Kollege Oliver Pogarell sieht hierfür mehrere Gründe. "Man verbindet die EKT noch immer mit Zwang und Bevormundung.

Das liegt vor allem daran, dass die Methode zu wenig in ihrer heute durchgeführten Form bekannt ist", beklagt er. Doch auch ökonomische Gründe spielten eine wichtige Rolle. Schließlich müssten bei jeder Behandlung mindestens ein Psychiater, ein Krankenpfleger sowie aufgrund der Vollnarkose ein Anästhesist und ein Anästhesiepfleger, also vier voll bezahlte Kräfte anwesend sein. "Viele Kliniken können sich das schlicht nicht leisten", sagt Pogarell.

Nach einer guten halben Stunde ist die Behandlung vorbei. Marlene Weidmann fühlt sich schlapp von der Narkose, hat aber keine Schmerzen. Noch drei Behandlungen, dann werde sie entlassen. Dann möchte sie eine Mutter-Kind-Kur machen, um ihren Sohn nach dieser schweren Zeit neu kennenzulernen.

© SZ vom 24.07.2012/mcs
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