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Depression:"Mir geht's grad nicht so gut"

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"Versuch's doch mal mit Yoga!": Viele Depressive werden von ihrem Umfeld nicht ernst genommen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Willensschwach, faul, gewalttätig: Vorurteile, mit denen Depressive immer noch zu kämpfen haben. Vorurteile, die verhindern, das Problem beim Namen zu nennen. Eine Geschichte über die Volkskrankheit Depression.

Von Ruth Eisenreich

Was bedeutet es, wenn jemand sagt: "Mir geht's grad nicht so gut"? Manchmal heißt es: Ich bin erkältet, oder: Ich habe Kopfschmerzen. Es kann aber auch bedeuten: Ich kann seit Wochen nicht schlafen, mir macht nichts mehr Spaß, ich hasse mich selbst, ich will nicht mehr leben.

Jeder fünfte Deutsche erkrankt irgendwann in seinem Leben an einer Depression. Die Krankheit kann sich in vielen unterschiedlichen Symptomen äußern; anders als viele andere Krankheiten kann man eine Depression nicht sehen, nicht an Blutwerten, nicht an Röntgenbildern diagnostizieren. Das macht die Krankheit für Nichtbetroffene schwer greifbar. Obwohl die Akzeptanz in den letzten Jahren gestiegen ist, kämpfen Betroffene noch heute mit vielen Vorurteilen - und tun sich oft schwer, ihrem Umfeld von ihrer Krankheit zu erzählen.

Tobi Katze etwa ist Schriftsteller, Kabarettist und Poetry-Slammer. In seinem aktuellen Programm "Morgen ist leider auch noch ein Tag" spricht er über seine Depressionen. Das Programm, sagt Katze, verkaufe sich gut, er bekomme viel positives Feedback. Katze, 35, könnte also als Beispiel dafür dienen, dass es heute kein Problem mehr ist, offen über Depressionen zu sprechen. Aber es war ein langer Weg bis dahin. Eineinhalb Jahre dauerte es nach seiner Diagnose, bis er sich traute, sich zu outen: "Ich hatte das Gefühl, das ist etwas Schmutziges, Peinliches, darüber spricht man nicht."

Betroffene wählen lieber Umschreibungen und Verniedlichungen

Betroffene wie Tobi Katze kämpfen mit zwei Missverständnissen, die einander eigentlich widersprechen: Einerseits müssen sie fürchten, nicht als krank anerkannt, sondern als faul und willensschwach abgestempelt zu werden; andererseits gelten Depressive seit dem Absturz einer Germanwings-Maschine über den französischen Alpen im März 2015 in der Öffentlichkeit als potentiell gewalttätig. Und speziell am Arbeitsplatz kann es für Betroffene tatsächlich riskant sein, über ihre Depressionen zu sprechen.

Nichtbetroffene sagen das Wort "depressiv" gern ganz locker daher, wenn sie über schlechte Laune reden, über die triste Weltlage oder auch nur über einen düsteren Film; Betroffene hingegen bringen den Begriff oft nicht über die Lippen. Sie wählen lieber Umschreibungen und Verniedlichungen, zum Beispiel: "Mir geht's grad nicht so gut".

© SZ.de/fehu

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