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Coronavirus:An der Schwelle zur Pandemie

Ein Messezentrum in Wuhan wird zu einem Nothospital. Auch eine Turnhalle wird umfunktioniert. Hier sollen Patienten aufgenommen werden, die nach einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus leichte Symptome zeigen.

(Foto: China Out/AFP)
  • Gesundheitsexperten sehen den Ausbruch des Coronavirus auf die Größe einer Pandemie zusteuern.
  • Welche Folgen eine Pandemie des neuen Erregers haben könnte, bleibt derweil unklar.
  • Weltweit wird an dem Virus und an möglichen Medikamenten oder Ansätzen für einen Impfstoff geforscht.

Der Grat zwischen Problem und Katastrophe ist in der Welt der Krankheiten ziemlich schmal. Wenn es um ansteckende Keime geht, hängt er meist an einem einzigen Wort: Pandemie. 17 Jahre ist es her, seit mit dem Sars-Erreger ein zuvor unbekanntes Virus einen solchen, kaum noch einzudämmenden, weltumspannenden Seuchenzug antrat, Tausende ansteckte und Hunderte tötete. Vergleicht man die Zahlen von damals jetzt mit dem Ausbruch des neuen Coronavirus in China, so ist eigentlich klar, dass die Welt erneut auf eine Pandemie zusteuert - wenn sie nicht schon längst mittendrin steckt.

Mehr als 20 000 Infektionen sind bereits durch Labortests bestätigt worden, die Zahl der Toten steigt täglich um mehrere Dutzend, die mit Abstand meisten Fälle verzeichnet die chinesische Provinz Hubei. Doch auch außerhalb Chinas haben schon 26 Länder auf drei Kontinenten insgesamt 190 Infektionen mit dem Erreger gemeldet. Noch kommen außerhalb des Ausbruchszentrums zwar bislang nur wenige Ansteckungen pro Tag hinzu. Japan meldete bis zum Mittwoch 22 Fälle, Thailand 25 und Singapur 24.

Trotzdem erkennen hochrangige Experten im Ausbruchsgeschehen zunehmend pandemische Züge und warnen vor unkontrollierten Infektionsketten auch auf anderen Kontinenten als Asien. So betonte der Direktor des Nationalen Forschungsinstituts für Infektionen in den USA, Anthony Fauci, der New York Times bereits am Montag, das Virus sei sehr, sehr ansteckend. "Es wird fast sicher pandemisch werden."

Welche Folgen eine Pandemie des neuen Erregers haben könnte, bleibt derweil unklar. Nach wie vor wissen die Experten nicht, wie viele Infizierte es tatsächlich gibt, ab wann und für wie lange diese Infizierten dann andere anstecken können, und wie eine Infektion behandelt oder verhindert werden kann. Immerhin, das Wissen nimmt stetig zu. Weltweit wird an dem Virus und an möglichen Medikamenten oder Ansätzen für einen Impfstoff geforscht. Laufend erscheinen Studien, die dem Puzzle weitere Teile hinzufügen. Manche Erkenntnisse sind inzwischen wieder fraglich, wie die Annahme, Infizierte seien bereits vor den ersten Symptomen ansteckend. Andere Erkenntnisse ermöglichen wichtige, wenn nicht sogar entscheidende Einblicke in die Eigenschaften des Virus.

Die Gefahr der "Infodemie"

So haben zwei gerade veröffentlichte Studien im Wissenschaftsjournal Nature den Verdacht bestätigt, dass der Erreger dem Sars-Virus nicht nur ähnlich ist, sondern im menschlichen Körper auch an die gleichen molekularen Strukturen andockt. "Das ist ermutigend", sagt der Virologe Ian Jones von der Universität im englischen Reading. "Es legt nahe, dass gegen Sars entwickelte Medikamente und Impfungen gegen das neue Coronavirus wirksam sein könnten."

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Zugleich steht aufgrund der zwei Studien nun fest, dass der neue Erreger wie Sars aus Fledermäusen stammt und entweder direkt oder über einen Zwischenwirt auf den Menschen übergegangen ist. Und schließlich zeigen die Studien, wie global vernetzt und schnell Wissenschaftler arbeiten, um das Virus besser zu verstehen. "Das gilt nicht zuletzt für chinesische Forscher", sagt Michael Skinner vom Imperial College in London. Beide neuen Arbeiten stammen von chinesischen Wissenschaftlern, die auch an der raschen Identifizierung des zuvor unbekannten Coronavirus beteiligt gewesen waren.

Doch neue Erkenntnisse zu gewinnen und den Erreger einzudämmen sind nicht die einzigen Kämpfe, die gekämpft werden müssen. Wie Sylvie Briand, eine Expertin für globale Gesundheitsgefahren der Weltgesundheitsorganisation WHO, am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Genf erläuterte, gibt es auch im aktuellen Infektionsgeschehen noch eine andere, durch soziale Medien befeuerte Gefahr. Die WHO bezeichnet sie als "Infodemie". Gemeint sind Gerüchte und Falschinformationen, die sich parallel zur tatsächlichen Epidemie wie ein Virus ausbreiten. "Diese Infodemie kann den Kampf gegen das Virus entscheidend behindern", sagte Briand. Die WHO hat nun eine Plattform eingerichtet, die dem Gerüchtevirus im Internet etwas entgegensetzen soll - bevor auch die Infodemie weltumspannend wird.

© SZ vom 05.02.2020/jael
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