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Belastetes Trinkwasser in Deutschland:"Was muss noch passieren, bis die Behörden reagieren?"

"Wir sind sehr besorgt", sagt auch Bernhard Röhrle, Sprecher der Landeswasserversorgung Baden-Württemberg, die drei Millionen Abnehmer hat. "Die Nitratwerte bei uns sind auf einem sehr hohen Niveau und steigen teilweise weiter", sagt er, "wir marschieren in manchen Bereichen Richtung Grenzwert und können es nicht zulassen, dass ein Grundwasser von guter Qualität durch die Landwirtschaft kaputt gemacht wird."

Er hat berechnet, was es kosten würde, wenn sie das Nitrat mit technischen Anlagen aus dem Wasser holen müssten. Statt bisher 50 Cent müssten die Großkunden dann 65 bis 70 Cent pro Kubikmeter zahlen. "Das ist ein Szenario, mit dem wir uns beschäftigen müssen", sagt Röhrle. "Wir fragen uns: Was muss noch passieren, bis die Behörden reagieren?"

Kürzlich versuchten Röhrle und seine Kollegen, mit den Bauern auf der Schwäbischen Alb über das Problem mit den Biogasanlagen zu reden. Es war, wie man sagt, ein Schlag ins Wasser. Anstatt sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, "wurde uns die Tür gewiesen", sagt Röhrle.

Ähnlich störrisch klingt die Pressemitteilung des Deutschen Bauernverbands. Es sei doch alles bestens, verkündete Präsident Joachim Rukwied im März, die Düngevorschriften hätten "sich bewährt", Änderungen seien nicht notwendig. So klingt die politische Macht der Bauern, die Agrarminister das Fürchten lehrt und Wasserwerke in die Verzweiflung treibt. "Das ist ein Thema, da könnte ich Vegetarier werden", sagt der Niedersachse Specht.

Die EU-Kommission in Brüssel hat nun ein Verfahren eröffnet, weil Deutschland sein Nitratproblem nicht in den Griff bekommt. Das Landwirtschaftsministerium in Berlin muss die Düngeverordnung neu fassen, um die Details tobt seit Monaten ein Lobbykampf, bei dem die Bauernfunktionäre ihre Macht einsetzen. Die Wasserverbände befürchten daher, "dass auch die neue Düngeverordnung nicht der große Wurf wird", wie Röhrle sagt. "Wir stellen immer wieder fest, dass der Bauernverband politische Entwicklungen blockiert."

Wohin das führen kann, weiß Johann Hans. Er leitet den Wasserzweckverband Niedergrafschaft im Westen Niedersachsens, einem Zentrum der industriellen Massentierhaltung. Von den sechs Trinkwasserbrunnen beförderten eines Tages drei nur noch stark nitratbelastetes Wasser über dem Grenzwert. Sie mussten neue Brunnen bohren, fünf Stück. Die Rechnung zahlen die Wasserkunden.

Wenn Hans auf sein Messnetz im oberflächennahen Grundwasser blickt, sieht er 144 Orte, die alle den Grenzwert überschreiten, an einer Stelle liegt der Nitratwert sogar beim Dreifachen des Erlaubten. In einigen Jahren wird die Nitratbrühe die tieferen Schichten erreichen. "Da passiert etwas", sagt Hans, "was wir einfach nicht mehr einfangen können."

© SZ vom 12.04.2014

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