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Ärztliche Behandlung:Eine Dosis Nichts

  • In Großbritannien ist unter Ärzten eine Behandlungsmethodeverbreitet, die sich "watchful waiting" nennt und darin besteht, dass Ärzte vor allem beobachten und auf die Selbstheilungkräfte des Körpers setzen.
  • Mediziner wissen, dass es bei vielen Krankheitsbildern am besten ist, keine Medikamente zu verschreiben.

Man muss sich eben etwas Mühe mit der Namensfindung geben. Denn das Nichtstun in der Medizin hat entschieden etwas von Arbeitsverweigerung. Und es ist klar, was die Patienten davon halten würden.

Die Briten sind da sehr geschickt. Eine der beliebtesten Behandlungsmethoden im Vereinigten Königreich ist das sogenannte "watchful waiting". Der Begriff signalisiert aktive Aufmerksamkeit, ja sogar Alarmbereitschaft. Er bedeutet keineswegs, dass der Arzt die Hände in den Schoß legt und ihm das Schicksal seiner Patienten gleichgültig ist. Vielmehr hat sich bei erstaunlich vielen Zipperlein und Gebrechen gezeigt, dass es für die Kranken das Beste ist, wenn der Arzt nicht gleich Medikamente, Operationsbesteck oder anderes schweres Geschütz auffährt. Hält der Doktor dieses Arsenal zurück, heißt das ja nicht, dass nichts mit dem Patienten passiert. Im Gegenteil: Medizin wurde von klugen Leuten schon mal als jene Kunst beschrieben, die Kranken zu unterhalten, während der Körper mit seiner Genesung beschäftigt ist.

Dass eine Erkältung mit Arzt sieben Tage dauert und ohne eine Woche, hat sich längst herumgesprochen. Einen ähnlichen Satz sagt Peer Eysel aber auch über Rückenschmerzen: Mit Arzt 14 Tage, ohne zwei Wochen. Der Chefarzt für Orthopädie an der Uniklinik Köln weiß, dass sich die lästige Pein im Kreuz zumeist - und das bedeutet in mehr als 95 Prozent der Fälle - wieder legt. Liegen keine Lähmungs- und Ausfallerscheinungen vor, keine Entzündung und kein Fieber, gehen die Beschwerden auch ohne Schmerzbehandlung, Physiotherapie oder gar Operation wieder zurück. Ähnliches gilt für Mittelohrentzündungen, für Infektionen der Nasennebenhöhlen und vieles mehr.

Mit Placebos lassen sich Schmerzen um 30 Prozent lindern

Dem Patienten nichts einzuverleiben, ihn nicht aufzuschneiden, nicht zu bestrahlen, hat oft erstaunliche Wirkung. Während der Genesung bekämpft das Abwehrsystem aufdringliche Keime, Zellen und lädierte Organe regenerieren sich, das Schmerzempfinden verändert sich. Ärzte, die nach seriösen Beweisen für ihr Tun fahnden und sich der evidenzbasierten Medizin - übrigens eine britische Erfindung - verpflichtet fühlen, kennen zahlreiche Beispiele, in denen weniger mehr ist und ärztlicher Aktivismus mehr schadet als nutzt.

Besonders eindrucksvoll sind die medizinischen Erfolge mit Tabletten, Infusionen oder Säften, die keinen spezifischen Wirkstoff enthalten: Mit Placebos lassen sich Schmerzen um bis zu 30 Prozent - und damit fast so stark wie mit Morphinen - lindern. Der Kraftzuwachs nach Placebo-Doping ist enorm, und sogar das Immunsystem wird gestärkt, wenn Probanden überzeugt davon sind, entsprechende Stimulanzien bekommen zu haben.

Das Nichts löst eine Menge aus

Die Erwartungshaltung und der Glaube an den Heilerfolg sind entscheidend. Beides bewirkt, dass eine Dosis vermeintliches Nichts eine Menge auslöst. Forscher haben nachgewiesen, welche Stoffwechsel- und Signalwege angeregt werden und wie der Opioid-Rezeptor gehemmt wird, wenn Probanden meinen, ein Schmerzmittel bekommen zu haben, auch wenn es tatsächlich Milchzucker war.

Ähnliches gilt für Nocebos: Schmerz, Leid oder andere Unannehmlichkeiten entstehen, weil eine Substanz oder eine Behandlung lediglich den Anschein erzeugen, Schaden anzurichten. Legendär ist der Versuch mit Freiwilligen, die eine täuschend echt aussehende Handy-Attrappe benutzten und hinterher über Kopfweh und Schwindel klagten. Und jeder ängstlich Leidende erfährt, dass bereits das Studium des Beipackzettels die darin beschriebenen Nebenwirkungen auslöst.

Das Nichts in seiner ganzen Macht einzusetzen, hat die konventionelle Medizin bisher versäumt. Homöopathen sind da längst weiter. Mit Mitteln, die nach einigen Verdünnungsschritten kein Molekül Wirkstoff mehr enthalten, lösen sie heilsame Erwartungen aus. Und beträchtliche Bewegungen im Portemonnaie ihrer Kunden.

© SZ vom 27.12.2014/olkl

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