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Verschleiß von Produkten:Geplanter Millionen-Murks

Digitalkonferenz DLD Women in München, 2014

Kurzes Technikvergnügen: Mancher Tablet-Computer eignet sich nach zwei Jahren nur noch als Küchenutensil. (Symbolbild)

(Foto: Catherina Hess)

Der Föhn gibt den Geist vor der Garantiezeit auf und das Tablet eignet sich nach zwei Jahren nur noch als Schneidebrett. Reparatur? Lohnt nicht. Es ist kein Zufall, dass Geräte immer schneller kaputtgehen.

Der Autopionier Henry Ford war ein smarter Firmenboss. Doch trotz der revolutionären Fertigungstechnik auf dem Fließband und der extrem einfachen Bauweise der Tin Lizzy - die Qualität musste immer stimmen beim alten Henry. Das tat sie auch. Von den 15 Millionen Stück, die insgesamt gebaut wurden, existieren immer noch 150 000. So haltbar sind Autos heutzutage längst nicht mehr. Und nicht nur Autos. Der Föhn haucht sein Leben kurz nach Ende der Garantiezeit aus, das hübsche Tablet eignet sich schon nach zwei Jahren bloß noch als Schneidebrett, eine Reparatur käme zu teuer. Aber warum ist das so?

Liegt es an der modernen Technik, die einfach nicht mehr so robust ist? Oder bauen die Hersteller bewusst Teile ein, die schnell verschleißen? Oder wollen vielleicht auch die Käufer mehrheitlich gar keine Produkte, die zehn, 20 oder 30 Jahre halten, sodass die Ingenieure sie dann auch viel kurzlebiger planen?

Den Nachweis, dass bewusst minderwertige Bauteile verwendet oder aber Geräte reparaturfeindlich konstruiert werden, könne man in vielen Fällen sehr leicht führen, argumentiert der Berliner Betriebswirt und Buchautor Stefan Schridde. "Das Problem ist, dass der Einzelne dabei alleine gelassen wird, wenn er sein Recht einklagen will." So sei beispielsweise in einem Prozess um ein defektes Handy der Streitwert auf 9000 Euro festgesetzt worden. "Da kommen dann noch Kosten für ein Gutachten hinzu, ein Gegengutachten, Anwaltskosten - das Risiko wollen dann viele nicht mehr eingehen", sagt Schridde.

"Verklebtes Gehäuse, lässt sich nur schwer zur Reparatur öffnen"

Erschwert wird die Lage zudem damit, dass man in Deutschland Firmen, also etwa einen Handyhersteller, nicht wegen Betrugs anklagen kann, sondern nur natürliche Personen. Zu recherchieren, wer genau einen bestimmten Mangel zu verantworten hat, ist aber gerade bei international tätigen Konzernen schwierig.

Schridde setzt sich deshalb dafür ein, die Verantwortung vom Konsumenten weg zu verlagern, zum Beispiel mit einer Kennzeichnungspflicht. Auf einem Tablet müsste dann etwa stehen: "Verklebtes Gehäuse, lässt sich nur schwer zur Reparatur öffnen". Oder Handyhersteller müssten explizit darauf hinweisen, dass der Akku fest eingebaut ist und deshalb nicht vom Kunden gewechselt werden kann. Firmen müssten deutlich sichtbar machen, dass Ersatzteile nur für begrenzte Zeit zur Verfügung stünden.

"Man könnte also heute schon durchgreifen", findet Schridde. Und: "Man müsste Mangel von Verschleiß abgrenzen." Zusammen mit der Hinweispflicht könnte dann von vornherein unterbunden werden, dass der einzelne Konsument selbst mühsam und mit hohem Risiko gegen den Murks der Hersteller vorgehen muss.

Stichfeste Beweise fehlen

Doch wie bewusst wird der Murks tatsächlich eingesetzt? Die Stiftung Warentest hat zwar bei ihren Untersuchungen schon viele mangelhafte Geräte aufgespürt und solche, die bei Langzeittests kläglich versagten. Einen hieb- und stichfesten Beweis dafür, dass ein bestimmtes Bauteil einzig und allein deshalb verwendet wurde, weil es die Lebensdauer des gesamten Geräts verkürzt, haben die Tester aber noch nicht gefunden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Studie im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion.

Zumindest aber, diesen Eindruck kann man als Konsument durchaus haben, wird billigend in Kauf genommen, dass ein defektes kleines Plastikzahnrad einen ganzen Küchenmixer unbrauchbar macht. Oder - eine besonders skurrile Praxis - dass ein sogenannter Tröpfchenzähler im Tintenstrahldrucker diesen plötzlich blockiert. Weil es nämlich sein könnte, dass der Schwamm, der die Resttinte auffangen soll, sich vollgesogen hat. Wobei übrigens besonders ärgerlich ist, dass die sündhaft teure Tinte in den Geräten gerne großzügig dabei verbraucht wird, die Düsen durchzuspülen. Nun will zwar niemand, dass ihm die Soße aus dem Drucker auf den Teppich läuft, aber man könnte beispielsweise die Schwämmchen austauschbar machen - so wie das bei hochwertigen Druckern auch der Fall ist.

Bei Akkubohrern unter 50 Euro steigt das Minderwertigkeitsrisiko

Auf den Unterschied zwischen Billigware und hochwertigen Geräten hebt auch die Stiftung Warentest ab. "Der Spruch ,Qualität hat ihren Preis' hat einen wahren Kern", so Jürgen Nadler, wissenschaftlicher Leiter des Multimedia-Teams. Für viele Geräte gibt es nach den Erfahrungen der Warentester Preisgrenzen, unterhalb derer man mit schlechter Qualität rechnen muss. Bei Akkubohrern etwa, die weniger als 50 Euro kosten, steige das Risiko, ein minderwertiges Gerät zu erhalten.

Smartphones wie Apples iPhone sind zwar nicht billig. Doch jedes Jahr bringen die Konzerne neue Modelle heraus. Und auch wenn die objektiv gesehen nicht besonders viel mehr können als ihre Vorgänger, so wächst doch - geschickt unterstützt von der Werbung - der psychologische Druck. Da ist es dann höchstens für den Käufer der gebrauchten Geräte interessant, wie es mit dem Akku und überhaupt der Reparierbarkeit steht.

© SZ vom 31.10.2014/fie
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