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SZ-Serie: Die großen Spekulanten (9):Der Playboy und die fatale Gier nach Reichtum

John Law erfindet im Frankreich des 18. Jahrhunderts die Volksaktie, sprengt so die sozialen Ketten und initiiert den Traum vom schnellen Geld.

Alexander Mühlauer

In Paris, hinter der Comédie Française, so erzählten jene, die dabei waren, gab es im Spätherbst 1708 einen Salon, der gehörte einer berühmten Schauspielerin, und in diesem Salon stand ein Spieltisch, und an dem saß, wenn er da war, immer ein Schotte, spielte Karten, steckte Goldmünze um Goldmünze in seinen Lederbeutel und stand im Morgengrauen immer als Gewinner vom Tisch auf.

John Law: in Edinburgh als Sohn eines Goldschmiedes geboren, in Frankreich als Erfinder der Volksaktie geliebt und gehasst und in Vendig erkrankt und gestorben.

(Foto: Getty Images)

Der Glücksritter aus dem Nichts

Wenn der Schotte nicht da war, dann geschah in diesem Salon hinter der Comédie Française nichts, woran man sich erinnern müsste. Die Besucher tratschten über die neuesten Liebesaffären, der Hunger der Armen interessierte sie nicht. Wenn aber der Schotte da war, konnten die Damen ihre Blicke nicht von ihm lassen: 1,80 Meter, lange schwarze Locken, Samtrock mit weiten Schößen, stets aufgeknöpft, damit ja alle die Weste aus Damast und die Halsbinde aus Brüsseler Spitze sehen konnten. Die Männer bestaunten sein geschicktes Spiel. Beides, Spiel und glamouröser Look, öffneten ihm den Zugang zur Pariser Hautevolee. Sein Name: John Law.

Zwölf Jahre nach seinen Gastspielen im Salon hinter der Comédie Française ist Law der reichste Mann der Welt. Er, der Ausländer, führt die größte Bank Frankreichs und bestimmt die finanziellen Geschicke des mächtigsten Landes Europas. Seine Geschichte ist die eines eitlen Playboys, der die Gier der Menschen erkennt und sie nutzbar macht: Durch die Erfindung der Volksaktie, die er zu einer der ersten riesigen Spekulationsblasen der Neuzeit steigert, bei der er unfassbar reich wird. Zunächst.

Bevor John Law ein Volksheld wird, tötet er, flüchtet und lernt akzentfrei Französisch. 1671 als Sohn eines Goldschmieds in Edinburgh geboren, zieht er mit Anfang 20 nach London und sucht Anschluss an die Upper Class. Er liebt teure Kleidung und schöne Frauen - beides kostet verdammt viel. Law bezahlt mit dem, was er beim Glücksspiel gewinnt. Und er gewinnt fast immer. Das liegt an seiner Gabe, Gewinnchancen blitzschnell vorausberechnen zu können.

Ein Schotte verzaubert die Welt

Als er einer Dame der höheren Gesellschaft nachstellt, fordert ihn sein Nebenbuhler Beau Wilson zum Duell heraus. Law trifft den bekannten Salonlöwen mit einem Schwert, Wilson stirbt. Law wird des Mordes beschuldigt, vor Gericht gezerrt und zum Tod durch Erhängen verurteilt. Der Schotte bricht aus dem Gefängnis aus, flieht auf einem Schiff in die Niederlande und taucht auf dem Festland unter. Zehn Jahre ist er ein Dandy auf Reisen und setzt sich an die Spieltische der High Society von Brüssel, Genf, Wien und Venedig. Er inszeniert sich als den vom Pech verfolgten Gentleman, den die Aura einer skandalösen Vergangenheit umgibt. Man merkt ihm an, was für ein Vergnügen es ist, Ende zwanzig und berühmt zu sein.

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