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SZ-Serie: Die großen Spekulanten (7):"Es war, als handelte man mit Seifenblasen"

Nick Leeson richtete eine 223 Jahre alte Bank zugrunde, die einst als sechste Großmacht Europas galt und die Millionen der britischen Queen verwaltete.

Alex Rühle

Allein sein letzter Berufstag: Wie er da, im eigenen Adrenalin schwimmend, eine viertel Milliarde Dollar Verlust einfährt, indem er allein gegen den Weltmarkt wettet. Wie er danach einen Post-it an seinen Bildschirm klebt, auf dem nur steht "I'm sorry", seine ahnungslose Frau abholt, mit ihr in einen Flieger steigt und ihr dann am Pool eine Hotels auf Borneo gesteht, dass er die Barings Bank im Alleingang zerstört hat. Wie er gleichzeitig im fernen England Diana und Charles von den Titelseiten verdrängt, das Pfund auf Talfahrt schickt und das Unterhaus zu einer Krisensitzung veranlasst - kein Wunder, dass Nick Leesons Geschichte verfilmt wurde. Der Film freilich, mit Ewan Mc Gregor in der Hauptrolle, fängt auch nicht ansatzweise ein, wie verrückt, überdreht und dilettantisch die ganze Geschichte wirklich war.

Der Mann mit dem goldenen Händchen machte 220 Millionen Dollar Verlust an einem Tag.

(Foto: Foto: dpa)

Dabei fing alles recht harmlos an, im Frühjahr 1992. Der junge Nick Leeson reduzierte, kaum angestellt bei der Londoner Barings Bank, die Wertpapieraußenstände der Bank um 90 Millionen Pfund. Begabter Mann, aus einfachen Verhältnissen stammend, 27 Jahre alt, warum sollte man den nicht nach Singapur schicken, um dort sogenannte Arbitrage-Geschäfte zu betreiben. "Wir saßen sozusagen auf dem Zaun", erklärte er in seiner Autobiographie diese Art von Geschäften, bei der man minimale Preisdifferenzen an verschiedenen Börsen ausnutzt. "Wir beobachteten beide Märkte und stiegen nach Belieben mal hier, mal dort ein und aus." Leider reichte es ihm nicht, solch ein Zaungast zu sein. Im Gegenteil. Leeson, der Sohn eines kleinen Stukkateurs, wollte unbedingt das ganz große Rad drehen.

"Teufelsbraten und brillanter Mann"

Er begann selbst mit dem Geld der Bank zu spekulieren, obwohl ihm das strikt verboten war, und stieg im großen Stil in den Derivatehandel ein, indem er auf die Entwicklung von Börsenindizes und Zinssätzen spekulierte. Durch gefälschte Briefe und Faxe täuschte er der Londoner Zentrale Geschäftsbeziehungen zu Dritten vor, in deren Auftrag er die Spekulationen durchführte. Das war ihm deshalb so leicht möglich, weil Leeson Händler und Abwickler in einer Person war. Niemand kontrollierte ihn. Noch als interne Prüfer dringend rieten, jemanden abzustellen zur Überprüfung von Leesons Aktivitäten, winkten die Londoner Manager ab. Das sei "zu teuer". So wusste nur Leeson allein, "was vorne im Börsensaal und hinten im Büro passierte. Wahrscheinlich war ich der einzige Händler auf der Welt, der sich selber kontrollierte.

Im Juli 1992 richtete Leeson ein Konto mit der Nummer 88888 ein; die acht ist im Chinesischen die Zahl des Glücks. Schon im Dezember 1993 hatte er Verluste von 23 Millionen Pfund auf diesem Konto versteckt. Im selben Monat wurde er für seine hervorragende Arbeit vom Londoner Hauptquartier mit einer Prämie von 135 000 Pfund belohnt und in einer Rede jungen Traderkollegen gegenüber als Teufelsbraten und brillanter "Mann mit goldenem Händchen" vorgestellt: Die Gewinne, die er nach London meldete, machten auf dem Papier ein Fünftel des Gewinns der Gesamtbank aus. In Singapur nannten ihn die Kollegen "Lucky Leeson", alle verfolgten, was der Broker in den auffallend bunten Sakkos machte. Die Terminbörse Simex ehrte ihn als besten Händler.

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