bedeckt München

SZ-Serie: Die großen Spekulanten (1):Der große Gegenspieler

André Kostolany wurde reich, indem er planmäßig anders investierte als die Masse der Anleger - und zumeist auf fallende Kurse setzte.

Alexander Hagelüken

Sein Geschäftspartner Gottfried Heller besucht ihn im Sommer 1999 in der Pariser Wohnung, da ist André Kostolany schon sehr fragil. An den Rollstuhl ge-kettet. Auf 45 Kilogramm abgemagert. Im Gesicht keine Spur der überschäumenden Energie von einst. Doch als Kostolany den langjährigen Kompagnon Heller sieht, scheint ihn ein Stromstoß zu durchzucken.

Der Finanzexperte André Kostolany starb 93-jährig am 14. September 1999 in Paris.

(Foto: Foto: oH)

Der 93-jährige Patient reckt den knochigen Zeigefinger und beginnt auf die Umtriebe zu schimpfen, die er an den Weltbörsen ausmacht. Selbstgewiss wie immer wettert er gegen das Hochjubeln gewinnfreier Internet-Klitschen, das in Millionen Anlegern auf dem Globus falsche Hoffnungen auf Reichtum anschwellen lässt.

Die Prophezeiung

"Es wirrrd ein Blutbad geben!" Drohend rollt er das österreich-ungarische R durch die Zimmerfluchten. Er verhandelt sein Lebensthema, die Psychologie der Aktienmärkte. Den Herdentrieb der Massen, dem er sich stets zu entziehen sucht. Um Geld zu verdienen, während andere blind in eine Richtung trampeln - und Geld verlieren.

Den Titel Spekulant, für viele Deutsche ein Schimpfwort, trägt er wie ein Adelsprädikat. Er wächst ja, acht Dekaden zuvor, mit dem Spekulieren auf. Im Durcheinander der abdankenden Habsburgermetropole Wien des Jahres 1919 blüht der Schwarzhandel mit Devisen der neuen Nachkriegsordnung. Flüchtlingssohn André tauscht tschechische Kronen gegen polnische Mark, dann weiter gegen serbische Dinar. Zehn Prozent beträgt der Profit des Händlers, der erst 13 Jahre zählt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema