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Stadtquartiere:Mein Nachbar, mein Viertel

Woche der Nachbarschaft in München, 2020

Ein guter Zusammenhalt ist viel wert. Das finden nicht nur die Organisatoren des Münchner Nachbarschaftstreffs Ramersdorf-Süd.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Quartiersbewohner sollen sich als Gemeinschaft erleben. Das ist nicht nur für sie gut.

Von Marianne Körber

Wer Nachwuchs bekommt, weiß es: Einen Namen für das Kind zu finden ist schwierig. Er soll besonders sein, aber nicht aus der Zeit gefallen, sympathisch, national oder international, und er soll vielleicht auch noch auf Eigenschaften hinweisen, die Sohn oder Tochter einmal haben könnten - Klara, die Leuchtende, Helle, Schöne.

Die Namensgebung spielt auch bei neuen Projekten eine große Rolle. Der Name soll effektiv und einprägsam eine Botschaft vermitteln, Kunden sollen sich damit zurechtfinden und wohlfühlen. Kein Wunder also, dass die Entwickler von Wohnquartieren gern Trends aufgreifen und Anleihen bei der Natur nehmen. Landlust in der Stadt sozusagen. In den vergangenen Jahren wimmelte es deshalb nur so von "Parks"; Immobilienexperte Thomas Beyerle stellte gar eine "irritierende Vielzahl" an "Höfen" oder "Gärten" fest.

Beyerle, Chef-Researcher des Immobilienspezialisten Catella und Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen, sah sich die Namen der aktuell 152 im Bau befindlichen Quartiere näher an. Etwas mehr als die Hälfte sind demnach von der historischen Lagebezeichnung abgeleitet, 20 Prozent definieren sich über die ehemalige Nutzung und "lediglich" jeder achte ist ein reiner Kunstname. Wem gar nichts einfällt, der spielt mit Zahlenkombinationen oder weicht ins Englische aus - living in paradise sozusagen.

Für die Quartiersbewohner dürften aber andere Faktoren wichtiger sein als Namen, zum Beispiel die Kosten, Verkehrsanbindung und Internet-Geschwindigkeit, die Einkaufs- und Arbeitsmöglichkeiten und nicht zuletzt die Nachbarschaft. Denn trotz des "Megatrends zur Individualisierung" ist Gemeinschaft gefragt, wie es in einer Catella-Studie zu urbanen Quartieren und Mixed-Used-Immobilien heißt. Gemeinsame Erfahrungen, Erlebnisse wie Nachbarschaftsfeste und Bräuche trügen dazu bei, dass sich die Menschen mit ihrem Viertel identifizieren können.

Projektentwickler sollten diese Punkte berücksichtigen, meinen die Experten. Etwa Grün- und Gemeinschaftsflächen einplanen. Wichtig sei auch die richtige Mischung von Eigentums- und Mietwohnungen. Eine Eigentumswohnung trage mehr zum Aufbau einer lokalen Identität bei als eine Mietwohnung, da die Bewohner mehr Zeit im Viertel verbrächten und so engere Kontakte mit der Nachbarschaft entstünden.

Ein Quartier brauche einen unverwechselbaren Charakter, damit sich Identifikation herausbilden könne. Nur so könne ein "Wir-Gefühl" entstehen, meinen die Catella-Experten. Doch das gebe es auch im Schlechten - wenn sich Bewohner in Stadtvierteln zusammenfänden, die von anderen als gefährlich und bedrohlich angesehen würden. Dann steige das Risiko zu "erhöhter Abnutzung und Vandalismus". Und damit auch zu einem Wertverlust für Investoren.

Aber noch einmal zurück zum Namen, oder besser zum "Branding". Um den Wiedererkennungswert des Viertels zu steigern, empfehlen die Fachleute auch den Einsatz von Logos und Slogans. Wie wärs damit: "Wohnen wie im Paradies - in unseren Höfen."

© SZ vom 12.09.2020

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