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Spurensuche:Abgeräumt

Teller auf Tisch: In vielen Wohnungen geht es puristisch zu.

(Foto: Axel Killian / Mauritius Images)

Die Tischdecke galt lange als unverzichtbar, denn sie schonte die Möbel und beeindruckte noch dazu die Gäste. Doch nun ist sie weg, selbst in manchen Restaurants gibt es sie nicht mehr- warum nur? Eine Spurensuche.

Nein, das ist nicht der Untergang des Abendlandes. Auch nicht das Ende der Tischkultur, auch wenn das einige behaupten mögen. Aber es stimmt. Die Tischdecke ist auf dem Rückzug. Das heißt, nicht einfach verschwunden, Hokuspokus, dafür hatte sie einfach zu lange gedient. Sie ist eher in Rente gegangen, wie ein ausgedientes Betriebssystem. Auf dem Tisch von heute gelten andere Software-Regeln: informeller, lässiger. Der Alltag ist pragmatisch. Wir bestellen das Essen online und entsorgen die Einwegverpackung mit einem leicht schlechten Gewissen im Plastik-Container. Wenn aber schon das Sonntagsporzellan und die guten Gläser in Omas Vitrine verstauben, dann braucht der Tisch auch keine Deko mehr.

Die Tischdecke war nämlich lange Zeit vieles. Sie schützte empfindliche Oberflächen, verbarg Schadstellen und war mit Servietten, Serviettenringen, Porzellan und Glas Teil der aufwendig gedeckten Tafel. Wer heute Gäste empfängt, kann das gleich in der Küche tun, in der sich bei Partys ohnehin alle einfinden. Und wenn alle fröhlich mitkochen, kann man sich ja einige lästige Formalitäten gleich sparen. Wer tagtäglich im Büro supereffizient sein muss, braucht neue Freiräume.

Das Verschwinden der Tischdecke passt sehr gut in eine Zeit, die sich nonchalanter gibt, als sie eigentlich ist, in der selbst Bankangestellte einen Casual Friday einlegen, die Krawatte lockern und schließlich ganz ablegen. Doch wie beim Kreditinstitut, dessen Angestellte ohne Binder plötzlich dastehen wie der Kaiser ohne Kleider, ohne wirklich zur Lässigkeit eines Start-ups zu finden, klafft auch auf dem Tisch nun eine Lücke. Wer auf das Tischtuch verzichtet, gleich, ob es nun wirklich stört oder nur altväterlich wirkt oder einfach unlässig, sollte bedenken, dass nun die Tischplatte selbst zum Hauptdarsteller wird. Eine geölte Holzoberfläche ist einfach traumhaft, und selbst einige Rotweinflecken lassen sich gut verschmerzen, wenn man die richtige Einstellung dazu findet. Benutzungsspuren lassen Dinge eben nicht nur altern, sie geben ihnen auch Geschichte. Weißt du noch, als Leopold das Glas umwarf? Der Tisch ist eben ehrlich. Hier lässt sich nichts verbergen.

Der Trend zum puristischen Tisch ist selbst in der gehobenen Küche angekommen und heißt Casual Fine Dining. Da kann es schon vorkommen, dass die Speisen auf gutem Geschirr aber eben direkt auf einem schön gemaserten Tisch präsentiert werden. Dahinter steckt Kalkül. Die neue Spitzengastronomie möchte näher an die Menschen rücken. Da servieren Meister schon mal selbst und verzichten auf manche Förmlichkeit. Restaurants wollen das steife Gehabe ablegen und suchen neue Formen der Gastlichkeit, die das Produkt in den Mittelpunkt stellen und nicht das Brimborium aus Leuchtern und Lüstern, Hauben und Tischdecken. Nur die Servietten bleiben. Zum Glück. Wenn aber schon die Spitzengastronomie einen Gang runterschaltet, wie soll es dann normalen Verbrauchern ergehen? Da hilft es wenig, wenn etwa auf Maisondumonde.com geradezu flehentlich für den gedeckten Tisch geworben wird: "Sie machen den kleinen Unterschied aus: Wer den Tisch gern in einem eleganten Stil eindecken möchte, benötigt dafür eine oder mehrere Tischdecken aus edlem Stoff und dazu die passenden Stoffservietten." Vorbei, vorbei.

Natürlich ist die Tischdecke nicht völlig weg vom Fenster. Nur eben runter vom Tisch. Man muss nur einschlägige Kaufportale besuchen - und schon fliegen sie über den Bildschirm: rote, blaue, gelbe und karierte Tischdecken, vorzugsweise wasserabweisend und knitterfrei, gewissermaßen die pragmatische Version des guten alten Damast-Tuchs, das einmal festliche Tafeln schmückte. Doch die kann man getrost weglassen. Da ist der Tisch solo einfach schöner.