Reden wir über Geld (16): Mark Warnecke:"In der Geschäftswelt gibt es weniger Fairplay als im Sport"

Lesezeit: 7 min

SZ: Was war das Größte?

Warnecke: Bronze bei Olympia 1996. Als ich da auf dem Podest stand, war ich weg. Wie auf Droge. Ich hatte riesige Pupillen, man sieht es heute noch auf Fotos.

SZ: Warum war Olympia das Größte?

Warnecke: Weil es so verdammt viel Arbeit war! Ich hatte mir ein Jahr vorher mit dem Motorrad die Schulter gebrochen, die Medaille war so fern. Ich habe dann ein Jahr nur auf dieses Ziel hingearbeitet. Und ich bin jemand, der sich im Training zerstören kann. Ich glaube, ich kann mich umbringen. Vor der letzten Weltmeisterschaft musste ich mich drosseln, weil ich in meinem Alter Angst um mein Herz hatte. Ich bin mehr als einmal im Training ohnmächtig geworden.

SZ: Sie hatten oft Pech bei Wettkämpfen. Der Motorradunfall beendete fast Ihre Karriere, bei der Olympiade in Sydney verschluckten Sie sich am Wasser, bei der letzten WM schliefen Sie die Nacht vor dem Rennen nicht.

Warnecke: Ich habe immer einen reingekriegt. Aber ich habe definitiv von meinen Tiefen profitiert. Du lernst ja dich, deine Freunde und dein Umfeld erst kennen, wenn es dir schlechtgeht.

SZ: So wie vor der Weltmeisterschaft 2005, als Sie abgeschrieben waren?

Warnecke: Ich hatte die Qualifikation zu Olympia verpasst. Da war ich frustriert, hab' mit dem Sport aufgehört und bei der Arbeit Gas gegeben. In der Unfallchirurgie gibt's kein Limit. Ich hab' Vollgas gegeben. Und Vollgas gegessen. Die Damen in der Kantine vom Krankenhaus haben mich geliebt und gemästet. Weihnachten wog ich 120 Kilo.

SZ: Wenige Monate vor der WM.

Warnecke: Irgendwann guckst du in den Spiegel und denkst: Das geht ja gar nicht. Ich kam keine Treppe mehr hoch. Da habe ich meine Diät entwickelt, mit Aminosäuren, damit hatte ich mich lang beschäftigt. Ich bin von 120 auf 96 Kilo. Ich stellte mein Training um. Und ich hatte am Start nichts mehr zu verlieren.

SZ: Weil keiner mit dem dicken 35-jährigen Schwimm-Opa rechnete?

Warnecke: Für mich war es ein zweiter Frühling, ältester Weltmeister aller Zeiten zu werden.

SZ: Nach dem Titel wollten plötzlich viele Ihre scheinbare Wunderdiät.

Warnecke: Ich erhielt bestimmt 10.000 E-Mails. Alle wollten das Mittel. Aber ich hatte ja nichts. So sah das damals aus (hebt eine unbeschriftete Tüte hoch, die wie ein Staubsaugerbeutel aussieht).

SZ: Und?

Warnecke: Ich bin ins kalte Wasser gesprungen und habe eine Firma gegründet. Bei 5000 Bestellungen, die in den ersten zwei Wochen reinkamen, habe ich richtig gerechnet Verlust gemacht.

SZ: Schlecht kalkuliert.

Warnecke: Gar nicht kalkuliert. Ich hatte keinen Finanzplan oder so. Es war ja nie geplant, ein Produkt zu verkaufen. Weiß denn einer, dass man einen Namen für das Produkt braucht und sich den schützen lassen muss? Ich wäre fast in die Knie gegangen. Die ersten Kunden haben drei Monate auf ihre Bestellung gewartet. Die ersten 2000 Pakete haben wir im Wohnzimmer verpackt. Aber wichtig ist doch: Ich hatte ein gutes Bauchgefühl, dass es funktionieren würde. Und es hat ja funktioniert.

SZ: Klingt mutig. Und naiv.

Warnecke: Zwischendurch musste ich 20.000 Euro von meinem Vater borgen. Ich habe mein Vermögen aufgebraucht, mein Haus beliehen. Und mein Motorrad verkauft! Das heißt viel bei mir.

SZ: Haben Sie mal gedacht: Die ganze Idee mit der Firma ist großer Mist?

Warnecke: Nein, ich habe mir ja immer alles offen gehalten. Ich hätte auch als Arzt in die Klinik zurückgekonnt. Und dann ging es aufwärts. 2007 hatten wir 1,4 Millionen Euro Umsatz. Aber wir haben sehr viele Ausgaben.

SZ: Sie können jetzt gut von Ihrem Geschäft leben?

Warnecke: Ja, aber es ist nicht einfach. Der Diätmarkt ist schwer umkämpft. Ich habe ein Konzept und ein Kochbuch geschrieben. Wenn du dich daran hältst, kommst du nicht umhin, Gewicht zu verlieren. Aber marketingtechnisch ist es schwer verkäuflich.

SZ: Warum?

Warnecke: Es ist zu ehrlich. Die durchschnittliche Diät-Frau macht ja vier Diäten im Jahr, das zeigt schon, wie erfolglos die Konzepte sind. Bei mir stehen Sätze wie: "Um Ihr Gewicht zu reduzieren, müssen Sie weniger Kalorien zu sich nehmen, als Sie verbrauchen." Das ist die Wahrheit. Andere Diätangebote versprechen dagegen "Schlank im Schlaf".

Lesen Sie im dritten Teil Mark Warneckes Haltung zu Fairplay im Geschäftsleben.

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