bedeckt München

Psychologie des Spendens:Viele unseriöse Anbieter werben um Spenden

Gerade weil Menschen beim Spenden so irrational handeln, tummeln sich auf dem Gebiet viele unseriöse Anbieter. Das kann wohl kaum jemand besser einschätzen als der Journalist Stefan Loipfinger. Er hat sich viele Jahre intensiv mit Spendenorganisationen auseinandergesetzt. Nach dem Austritt aus der Kirche fragte er sich, wo die gesparte Kirchensteuer gut aufgehoben wäre. Wo er helfen könnte. Keine triviale Frage für einen ausgebildeten Banker, der jahrelang einer der prominentesten Kritiker der zwielichtigen Branche der Geschlossenen Fonds in Deutschland war.

Ihm wurde schnell klar, dass auch bei Spendenorganisationen vieles falsch läuft. Auf seiner Website CharityWatch.de schrieb er darüber. Vier Jahre später, im Jahr 2012, gab er auf. Er hatte die juristischen Auseinandersetzungen satt, die Verleumdungen und die Drohungen gegen seine Familie. Zu viele unseriöse Anbieter machten ihm das Leben schwer. "Mir fehlen die Möglichkeiten, gegen alles in dem Bereich vorzugehen. Das ist wie eine Hydra, Du schlägst einen Kopf ab und es wachsen zwei nach", sagt Loipfinger.

6 bis 7 Milliarden Euro

So viel spenden die Deutschen pro Jahr, schätzt das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI). Der Deutsche Spendenrat, eine Art Lobby-Zusammenschluss gemeinnütziger Organisationen, rechnet mit bis zu fünf Milliarden Euro für das laufende Jahr, erfasst aber nur Spenden bis 2500 Euro in einer Umfrage. So genau kann also niemand sagen, wie viel Geld jedes Jahr zusammenkommt. Den weitaus größten Anteil hat die humanitäre Hilfe. Etwa die Hälfte der Spendeneinnahmen teilen sich kirchliche Organisationen wie Misereor oder Brot für die Welt und die 30 größten nicht-kirchlichen, darunter die Deutsche Krebshilfe. Die andere Hälfte der Gelder kommt bei kleineren Organisationen zusammen. 40 Prozent der Bevölkerung spendet hierzulande laut DZI regelmäßig - damit liegt die Bundesrepublik im Mittelfeld.

Die Maschen der Sammler: Immer Einzelschicksale schildern. "Die kleine Melinda hat Krebs und kann sich die Medikamente nicht leisten", nennt Loipfinger ein Beispiel. Unseriöse Anbieter gehen dabei noch drastischer vor: "Da wird der Tumor auf dem Foto gezeigt und dann steht da: Wenn Sie heute spenden, kann Melinda in einem Monat noch leben." Es wird also ein Druck aufgebaut, dass Melindas Leben von genau dieser Spende abhängt. "Je größer der Druck, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass eine Organisation unseriös ist."

Die Menschen schauen nicht darauf, wohin ihr Geld wirklich fließt

Ein großes Problem sei, dass die Menschen nicht darauf schauten, wohin ihr Geld wirklich fließt. "Der Zweck scheint ja in dem Moment erreicht, in dem sie spenden", sagt er. Das gute Gefühl zählt. Was danach komme, sei gar nicht so wichtig.

Ist es natürlich doch. Denn für Menschen in Not ist der Unterschied riesig. Loipfinger schätzt, dass etwa 20 Prozent der Organisationen unmoralisch handeln. Nicht kriminell, denn es gehört zum Charakter einer Spende, dass nie eine Gegenleistung eingefordert werden darf. Deshalb ist es auch kein Unrecht, wenn von 100 gespendeten Euro nur zehn bei hungernden Kindern landen und 90 in den Taschen eines gut gesättigten Spendensammlers. Ebenfalls erlaubt: Wenn Organisationen Bettelbriefe verschicken und jemand daraufhin zehn Euro spendet, wird dieser als "emotional empfänglich" gespeichert. Datenschutz? Gibt es nicht. "Wer also auf Bettelbriefe reagiert und beispielsweise zwölf Mal im Jahr zehn Euro spendet, kann sich sicher sein, dass seine gesamten 120 Euro in Porto für neue Bettelbriefe draufgehen", sagt Loipfinger.

Deshalb tut gut daran, wer vor einer Spende ausführlich darüber nachdenkt, was er unterstützen und erreichen möchte - und seine Emotionen unter Kontrolle hat. Sich dann nach einer Spende besser zu fühlen, ist keineswegs verwerflich. Vor allem mit der Gewissheit, an den Richtigen gespendet zu haben.

© SZ vom 22.11.2014/ratz
Zur SZ-Startseite