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Mini-Häuser:Leben auf 17 Quadratmetern

Wohnen im Mini-Eigenheim

Etwa 17 Quadratmeter und ein Hochbett: Mehr braucht Sylvia Dreyer nicht. Sie hat ihr "Tiny House" auf einem Campingplatz aufgestellt.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Klein, aber fein: Für manche sind sie eine Antwort auf die Wohnungsnot.

Von Jeanette Bederke/dpa

Sylvia Dreyer ist glücklich in ihren eigenen vier Wänden. Zwar hat sie nur 17 Quadratmeter und eine Hochebene zum Schlafen. Doch mehr will die 56-jährige Singlefrau auch nicht. "Ich bin leidenschaftliche Camperin und habe jetzt das, was ich immer wollte: Ein Leben in einfachen Verhältnissen mitten in der Natur und ohne zusätzliche Betriebskosten", sagt sie. Das genießt die gebürtige Hamburgerin und gelernte Finanzbuchhalterin nun in ihrem 38 000 Euro teuren hölzernen "Tiny House" auf einem kleinen Campingplatz bei Klosterfelde im brandenburgischen Landkreis Barnim.

Das Angebot ist inzwischen ziemlich groß. Die Preisspanne auch

Die Tiny-House-Bewegung - der Name bedeutet "winzige Häuser" - kommt ursprünglich aus den USA. Auch in Deutschland steigt die Nachfrage, vor allem in den Großstädten, wo die Grundstückspreise hoch und bezahlbare Wohnungen rar sind. Sie kosten zwischen 20 000 und 140 000 Euro. Von Massivbauweise über den Holzrahmenbau bis hin zu Blockhäusern gibt es jede Menge Varianten, für die sich Käufer entscheiden können.

In Berlin stehen neun Mini-Häuser auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs, bewohnt von knapp zwei Dutzend Enthusiasten. "Wir sind keine Ausstellung, sondern demonstrieren, dass so ein Leben funktioniert", sagt Architekt Van Bo Le-Mentzel. Angesichts der nicht funktionierenden Mietpreisbremse und des knappen Wohnraums müsse die Gesellschaft kreativ reagieren. "Die meisten Hürden gibt es im Kopf", meint Le-Mentzel. "Viele können sich nicht vorstellen, auf so kleinem Wohnraum zufrieden zu leben."

Auch rechtlich kann es Probleme geben, vor allem natürlich dann, wenn man Tiny-Häuser ohne Baugenehmigung aufstellen möchte, wo es einem gerade gefällt. "Tiny House ist eine Bewegung, die sich nicht an der Gesetzeslage, sondern daran orientiert, was die Gesellschaft braucht", sagt der Architekt. Beispiele, in denen Mitstreiter Mini-Häuser auf eigenen Grundstücken aufstellten, kennt er aus ganz Deutschland.

Syliva Dreyer wollte bewusst nicht in der Großstadt bleiben. "Ich hatte einen Vollzeit-Job und arbeitete nur, um mir meine Eigentumswohnung leisten zu können", erzählt sie. Die hat sie inzwischen verkauft, sich stattdessen ihr Lärchenholz-Mini-Haus nach Maß von einer Berliner Firma bauen lassen und eine circa 200 Quadratmeter große Parzelle auf dem Campingplatz am Lottschesee bei Klosterfelde erworben.

Platz-Betreiberin Margitta Bayer will hier "eine autark lebende Gemeinschaft im Einklang mit der Natur aufbauen", wie sie erzählt. Zum Konzept der 62-Jährigen gehört nicht nur das Wohnen auf engstem Raum, sondern auch ein ressourcenschonendes Leben. Eine Gemeinschaftsküche zum Beispiel - und eine Kompostiertoilette, die ohne Wasser auskommt.

"Das hier ist nichts für Perfektionisten, sondern für umweltbewusste Naturgenießer", erklärt die frühere Betriebswirtin. Nicht mehr das Streben nach Luxus sei das erste Bedürfnis, sondern die Zeit zu haben, um zu leben. Zu den Interessenten gehört auch Karin Glaser, die derzeit noch einen alten Wohnwagen auf dem Gelände bewohnt. Spätestens zu ihrem 70. Geburtstag Ende August will die aus Schleswig-Holstein stammende Wahl-Brandenburgerin ein Tiny House in Leichtbauweise beziehen.

Für Glaser ist es eine preisgünstige, moderne und vor allem mobile Alternative. "Ein Vorteil dieser Häuser ist, dass sie mit einer Breite von 2,50 Metern und einer Länge von höchstens zehn Metern auf Anhängern transportiert werden können", sagt sie. Wenn ihr Umgebung oder Nachbarn nicht mehr passten, könne sie einfach weiterziehen.

"Man lebt einfach viel entspannter", resümiert Dreyer nach den ersten Wochen im Tiny House. Für Strom hat sie eine Solarzelle auf dem Dach, zum Heizen nutzt sie Gas. Derzeit hat die Aussteigerin einen 400-Euro-Job als Assistentin der Campingplatz-Besitzerin. Angst vor Altersarmut aufgrund einer geringen Rente plage sie mit dem Mini-Haus nun nicht mehr, betont sie.

© SZ vom 25.08.2017

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