bedeckt München
vgwortpixel

Mieter-Apps:Hallo, Nachbar

Man with electric bicycle leaning against brick wall looking at cell phone model released Symbolfoto

Ist da wer? Per Smartphone und Nachbar-App können Mieter Kontakt zu anderen Bewohnern des Hauses oder eines ganzen Quartiers aufnehmen.

(Foto: imago/Westend61)

Eine Bohrmaschine von nebenan ausleihen? Gemeinsam singen? Beim Umzug helfen? Immer mehr Mieter organisieren sich über Apps. Auch die Vermieter wollen mitmischen.

Es kamen schon Senioren jenseits der siebzig ins Gemeinschaftshaus des Hamburger Quartiers Rübenkamp, legten ein noch original verpacktes Smartphone auf den Tisch und baten darum, dass man ihnen jetzt mal grundlegend erklärt, wie dieses Ding funktioniert. Solche Momente zeigen Sabine Brahms, dass ihr Plan aufgeht: "Wir wollen mit den Bewohnern hier in Kontakt bleiben, sie zudem ermuntern, vor die Tür zu gehen und in der Nachbarschaft soziale Kontakte zu schließen - auch per App", erläutert die Leiterin des Quartiers- und Freiwilligenmanagements von der Wohnungsgenossenschaft Schiffszimmerer. "Gerade, weil die Bewohner im Schnitt immer älter werden, ist es wichtig, frühzeitig Unterstützung anbieten zu können - 'Hilfe zur Selbsthilfe' ist schließlich auch ein Kerngedanke des Genossenschaftsprinzips."

Die Schiffszimmerer eG hat 9000 Wohnungen in mehreren Quartieren. Allein im Rübenkamp leben etwa 8000 Menschen, davon ungefähr 2000 in derzeit etwa 900 Wohnungen der Genossenschaft. "Um möglichst direkten Kontakt zu einzelnen Bewohnern und sozialen Zusammenhalt in der Nachbarschaft herzustellen, bedarf es dort verschiedener Mittel", sagt Brahms. Einerseits ermöglichen erst barrierefreie Häuser und Wege im Quartier, dass Senioren bequem vor die Tür gehen können. Ein Gemeinschaftshaus, in dem regelmäßig Veranstaltungen angeboten werden, dient als Anlaufstelle. Dort lernen sich Nachbarn, Mitarbeiter und Ehrenamtliche der Genossenschaft kennen. "Ein wichtiger Baustein beim Entwickeln eines inklusiven Quartiers ist unsere App 'Meine Nachbarn'", betont Brahms. "Hiermit können wir eine Reihe ganz bestimmter Zielgruppen punktgenau erreichen, auch Menschen, die schon älter sind." So motiviere man etwa über Ansprache via App Menschen, zu bestimmten Veranstaltungen ins Gemeinschaftshaus zu kommen.

Mieter können über die App einen Bankeinzug einrichten oder ihren Vertrag einsehen

Um die Kosten für das inklusive Quartier samt App stemmen zu können, holte sich die Genossenschaft Unterstützung von außen: als Partner des EU-geförderten Projekts "AGQua - Aktive und gesunde Quartiere". So konnten die Schiffszimmerer sich eine eigene App programmieren lassen, die genau auf sie zugeschnitten ist. Es gibt darin offene Bereiche, in denen die Genossenschaft mit ihren Bewohnern kommuniziert, also mitbekommt, wer wie tickt. In geschlossenen Bereichen wiederum können die Mitglieder sich persönlich austauschen und Gruppen bilden.

"Vor der Entwicklung der App wurden die künftigen Nutzer befragt, sodass deren Wünsche mit in die Gestaltung einfließen konnten", sagt Brahms. "Die Evaluation war für den Programmierer der Uni Hamburg ein wichtiger Leitfaden." Um aber die Bewohner des Quartiers auf die App zu bringen, war in vielen Fällen persönliche Ansprache nötig, etwa mit Veranstaltungen im Gemeinschaftshaus wie Einführungskursen für Smartphones. So kommen nun nicht nur am Rübenkamp Senioren mit neu gekauften Geräten in die Beratungsstunden. Auch anderswo wurden Begehrlichkeiten geweckt. Im Januar startet die App in fünf weiteren Quartieren.

Bei der "Schaffung lebendiger (digitaler) Nachbarschaften" können Wohnungsunternehmen in Deutschland "eine wichtige Rolle als Vorreiter und Treiber" einnehmen, heißt es in der Studie "Wohntrends 2035". In der Wohnungswirtschaft werde die Onlinekommunikation mit den Kunden immer mehr zum Normalfall. "Gerade größere Wohnungsbauunternehmen haben zum einen die Fähigkeiten, Nachbarschaften im großen Stil auch per App einzubinden", sagt Katrin Trunec, Mitautorin der Studie und Senior-Beraterin der Analyse & Konzepte GmbH. "Des Weiteren haben diese großen Akteure auch oft ganze Quartiere in ihrer Obhut." Während die Bewohner über ihr Wohnumfeld informiert werden möchten, wollen die Vermieter sozialen Zusammenhalt fördern - auch im Eigeninteresse eines attraktiven Wohnumfelds. "Maßgeschneiderte Apps", sagt Trunec, "bieten hierbei den größtmöglichen Spielraum."

Eine der sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften in Berlin brachte solch eine eigene App im Dezember an den Start. Damit kann die Gewobag nun einen direkten Draht zu den Mietern in ihren 70 000 Wohnungen herstellen. "Wir bauen die App schrittweise aus", berichtet Gewobag-Sprecherin Anne Grubert. "Den Anfang machen formale Aspekte."

Über die App kann man etwa einen Bankeinzug einrichten, seinen Mietvertrag einsehen oder Schäden melden, Letzteres samt Möglichkeit, Fotos hochzuladen. Auch den Bearbeitungsstatus teilt die Gewobag ihren Mietern über die App mit. "Bei einer vorherigen Umfrage stand die Schadensmeldung mithilfe einer App auf Platz eins der Wunschliste", so Grubert. "Durch die schnellere Abwicklung formaler Aspekte haben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zukünftig mehr Ressourcen für andere Themen." In einigen Monaten folgt der nächste Schritt, die soziale Vernetzung: Dann werden via App Veranstaltungen in den Kiezstuben der Quartiere bekannt gemacht.

Immer mehr Vermieter setzten auf die Kommunikation per Smartphone

Andere Akteure suchen den Kontakt zu ihren Mietern auf bereits existierenden Kanälen. Die Berliner Gesobau etwa, ebenfalls eine landeseigene Gesellschaft, betreibt eine Facebook-Fanpage mit knapp 6000 Followern. Die Redaktion postet nahezu täglich Beiträge über Veranstaltungen, Initiativen von Netzwerkpartnern und Ähnliches. "Es findet ein regelmäßiger Austausch mit den User*innen statt - über persönliche Nachrichten und direkt über Kommentare zu Beiträgen", so die Gesobau. Die Redaktion sei an Arbeitstagen von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr erreichbar - auf besonders dringende Anliegen werde auch darüber hinaus geantwortet.

Andere größere Wohnungsanbieter planen, langfristig eine eigene App zu entwickeln, da sie beobachten, dass ihre Mieter sich bereits über Facebook oder Whatsapp miteinander vernetzten - dabei aber bislang nicht mitmischen. Bundesweit zieht vor allem das Portal nebenan.de Menschen an, die sich in ihrer Nachbarschaft vernetzen wollen. 2015 gegründet, sind dort mittlerweile 1,4 Millionen Nutzer aktiv. Wer sich auf dem Portal bei einer "Nachbarschaft" anmeldet, muss nachweisen, dort auch wohnhaft zu sein. "Wir ziehen klare geografische Grenzen, weil die Leute im echten Leben zusammenkommen sollen", erläutert Geschäftsführer Christian Vollmann. Ob man sich nur mal eine Bohrmaschine ausleihe oder mit anderen sein Hobby teilen wolle: "Alle sind mit ihren Namen samt Adressen erkennbar, man kann sich auf der Straße begegnen. Wir wollen die Anonymität in der Nachbarschaft reduzieren." Deshalb seien auch die Probleme anderer sozialer Netzwerke wie Fake News oder Hate Speech kein Problem. Fällt jemand in einer Gruppe unangenehm auf, kann die Nachbarschaft sich an ein Team von nebenan.de wenden. Wer die Netiquette, "nett, ehrlich und hilfsbereit" zu sein, nicht achtet, wird im ersten Schritt mit einer Woche Ausschluss verwarnt, beim wiederholten Mal komplett gesperrt. "Neunzig Prozent der Leute, die eine Gelbe Karte bekommen haben, waren danach friedlich", sagt Vollmann. "Die Zahl derer, die in den vergangenen dreieinhalb Jahren eine Rote Karte bekamen, liegt im zweistelligen Bereich."

Private Haushalte können nebenan.de kostenlos nutzen. "Wir finanzieren uns aber nicht durch Abschöpfen der Nutzerdaten, wie andere kostenlose Angebote im Netz", betont Vollmann, "sondern garantieren Datenschutz." Das Portal finanziert sich zum einen über kostenpflichtige Accounts, die Gewerbetreibende in ihrer Nachbarschaft anlegen können; zum anderen zahlen auch Kommunen, die dort einen Account anlegen, um etwa Anwohner über das zu informieren, was im Amtsblatt kaum jemand wahrnimmt.

Die Vernetzung stärkt die Nachbarschaften von Quartieren und sogar ganzen Gemeinden

Auch ein Bauträger ist schon an nebenan.de herangetreten, lange bevor das Neubauquartier bezugsfertig war. In Ludwigsfelde, elf Kilometer südlich von Berlin, entsteht eine komplett neue Siedlung rund um eine Grünanlage, der Rousseau Park. Um Leute über nebenan.de miteinander zu vernetzten, musste das Portal zunächst seine gewohnten Abläufe ändern, denn eine Nachbarschaft mit Adressen, die angemeldet werden können, gab es ja zunächst noch nicht gar nicht. Die Idee dahinter, schon mal Nachbarn miteinander zu verbinden, die noch gar keine sind: "Die meisten derer, die hierherziehen wollten, waren neu in Ludwigsfelde und kannten noch niemanden", erläutert Vinh-Nghi Tiet, Geschäftsführer der Rousseau Park GmbH. "Außerdem waren sie als baldige Eigenheimbesitzer alle in einer ähnlichen Situation." Insgesamt entstehen dort 1000 Einfamilienhäuser und bis zu 200 Wohnungen für rund 5000 Personen. Die Nachbarschaft hat in Teilen schon zusammengefunden, bevor man sich das Quartier teilt.

Aber auch dort, wo Nachbarschaften schon seit vielen Jahre bestehen, und wo man es nicht unbedingt erwartet, dass Menschen sich auch noch digital miteinander vernetzten, passiert genau das. Zum Beispiel in Neuerkirch: Im September 2017 entdeckte die rheinland-pfälzische Gemeinde das Portal nebenan.de für sich. Mittlerweile tauscht sich ein Großteil des Dorfs über die Plattform aus, gut 100 der 150 Haushalte sind dort aktiv. "Selbst 80-Jährige nutzen das Portal", berichtet Bürgermeister Volker Wichter. Nicht nur die Kommune informiert ihre Bürger über den Kanal. Auch der Sportverein, das Museum und die Feuerwehr sind dort aktiv. Seit etwa zwei Jahren schließen die Neuerkircher sich alle miteinander auch digital kurz. "Ich hätte nicht gedacht", so Wichter, "dass sich das so schnell etabliert". Auf dem Portal erfährt man, wie das E-Auto des Dorfes entliehen werden kann, wann Weihnachtslieder einstudiert werden, wo Blut gespendet werden kann, wer Kuchen oder Helfer für welches Fest benötigt. Beschwerden darüber, dass der Glascontainer schon wieder sonntags genutzt wurde, finden sich dort ebenso wie die Bitte, ob nicht jemand bei der nächsten Fahrt nach Mainz etwas mitbringen könne. So wachsen nicht nur Dorf und Stadt zusammen, sondern auch analog und digital.

© SZ vom 18.01.2020
Zur SZ-Startseite