Logistik:Wohin mit all der Ware?

Logistik: Regallager in der „Neuen Hopfenpost“ in München: Von hier aus werden Prime-Now-Kunden von Amazon beliefert.

Regallager in der „Neuen Hopfenpost“ in München: Von hier aus werden Prime-Now-Kunden von Amazon beliefert.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Online-Handel boomte schon vor der Corona-Krise, und jetzt kaufen die Menschen mehr denn je im Internet ein. Deshalb gibt es einen Ansturm auf Lagerflächen. Das treibt auch die Mieten weiter in die Höhe - für viele ein Problem.

Von Bärbel Brockmann

Mit Beginn des Lockdowns im März schossen die Umsätze im E-Commerce in den Himmel. Die Menschen konnten nicht mehr in Geschäften einkaufen, also bestellten sie online. Mit der schrittweisen Öffnung der Läden werde sich das wieder ändern, dachten sich damals viele Händler. Sie irrten sich. Während der stationäre Handel Einbrüche erlebte, blieben die Online-Umsätze zumeist hoch. Kunden mieden die Läden aus Angst vor Ansteckung, der Maskenzwang verdarb die Lust am Shoppen. Und weil der Sommerurlaub ausfiel, gaben viele das dafür vorgesehene Geld anderweitig aus - im Netz. Jetzt steht der Handel am Beginn der für ihn wichtigsten Jahreszeit: dem Weihnachtsgeschäft. Was wird es bringen?

Schon 2019 hatte der Online-Handel nach Angaben des Handelsverbands HDE um elf Prozent zugelegt und mit 59,2 Milliarden Euro Umsatz einen Rekord aufgestellt. Das spiegelte sich in einer gestiegenen Nachfrage nach Logistikimmobilien, also Lagerhallen unterschiedlichster Größe wieder. Immobilienentwickler bauen, was sie können, teilweise sogar ohne Kundenauftrag. "So gut wie jeder Onlinehändler baut jetzt vor dem Weihnachtsgeschäft seine Lagerkapazitäten aus. Man rüstet sich und bestellt sicherheitshalber beim Lieferanten auch noch mehr Ware, als kalkuliert. Wir sehen deshalb einen richtiggehenden Run auf Flächen", sagt Kuno Neumeier, Geschäftsführer des auf Logistikimmobilien spezialisierten Beratungsunternehmens Logivest.

Die Online-Händler gehören zu den wenigen Gewinnern der Corona-Pandemie. Aber der Bestellzuwachs setzt nur eine Entwicklung fort, die schon seit Jahren anhält und sich nun beschleunigt. Denn der E-Commerce konnte sich in der Corona-Krise neue Zielgruppen erschließen. So haben jetzt viele Menschen erstmals Lebensmittel und vor allem auch Frischeartikel wie Obst oder Wurst online bestellt. Der Rewe-Lieferdienst war von dem Andrang im März so überrascht, dass es Wartezeiten von mehreren Wochen für die Zustellung gab. Inzwischen hat man Kapazitäten ausgebaut, und auch andere stationäre Lebensmittler bieten ihren Kunden jetzt ein Online-Angebot, das auch gut genutzt wird. Oft werden die Waren direkt aus den Geschäften an Adressen in umliegenden Straßen geliefert.

Sollte der Run auf Lebensmittel anhalten, wird sich der Handel aber etwas anderes überlegen müssen. Dann fehlt Lagerkapazität. Einfach die stationären Geschäfte um Lager zu erweitern, ergibt wenig Sinn, weil die Mieten in den innerstädtischen Lagen teurer sind als Lagerfläche außerhalb. Allerdings stellt sich zunehmend die Frage, wo denn überhaupt noch die Flächen herkommen sollen. Tim Rosenbohm vom Immobilienentwickler Segro: "Lieferdienste für Getränke oder Lebensmittel brauchen sehr zentrale Lagen. Sie fragen sie deshalb auch immer stärker nach. Das Problem ist es, diese Lagen überhaupt erst einmal zu finden." Zumal es nicht reicht, geeignete Flächen zu haben - mit einem Lager sind auch die Belieferung und die Auslieferung verbunden, man hat also viel Verkehr. Auch das muss berücksichtigt werden, was die Menge der infrage kommenden Lagen weiter reduziert.

Der Online-Anteil am Möbelmarkt ist kräftig gestiegen

Einen Online-Durchbruch gab es nicht nur bei Lebensmitteln, sondern auch bei Möbeln. Der Online-Anteil am Möbelmarkt lag vor der Corona-Krise nur bei zehn Prozent. Ein Grund für die Zurückhaltung war wie bei Lebensmitteln - hier ist der Online-Anteil mit 1,4 Prozent noch viel kleiner - die Skepsis der Verbraucher. Wer konnte sich schon vorstellen, eine komplette Küche online zu konfigurieren und danach zu bestellen? Oder eine Couch, ohne vorher probegesessen zu sein? Aber dann haben die Menschen die Erfahrung gemacht, dass es funktionieren kann. Die Online-Umsätze blieben hoch, auch nachdem die Geschäfte und großen Einrichtungshäuser wieder öffnen durften. Experten gehen davon aus, dass sich der Online-Möbelumsatz seit Beginn der Krise mindestens verdoppelt hat. Das zeigt das Beispiel von Home24. Weil das Geschäft im zweiten Quartal so gut lief, hob der Online-Möbelhändler die Jahresprognose im Juli an - und gut einen Monat später gleich noch einmal. Jetzt erwartet das Möbelhaus für das Gesamtjahr ein Umsatzplus von 25 bis 35 Prozent. Impulse erwartet man auch von Events wie dem Black Friday und dem Cyber Monday. Brigitte Wittekind, im Vorstand von Home24 für den operativen Bereich verantwortlich, befürchtet dennoch keine Lagerengpässe, in puncto Warenverfügbarkeit sei man gut vorbereitet. Man habe in den Zeiten der Pandemie gelernt. Zudem profitiert Home24 jetzt davon, dass das Unternehmen schon im vorigen Jahr seine Lagerkapazitäten um 70 Prozent erweitert hat.

Doch nur wenige Händler haben das Glück, auf vor Ausbruch der Krise ausgebaute Lagerkapazitäten zurückgreifen zu können. Die Händler haben aber die Möglichkeit, kurzfristig auf Lagerflächen auszuweichen, die ihnen Logistikunternehmen zur Verfügung stellen. Viele dieser Dienstleister betreiben ohnehin Lagerhaltung für Kunden, wie zum Beispiel Group7. "Wir haben uns schon früh im Sommer überlegt, wie wir unsere 220 000 Quadratmeter Logistikfläche im zweiten Halbjahr bestmöglich nutzen und entsprechend vorgeplant", sagt Logistikleiter Hubert Borghoff. Sollte ein Kunde im weiteren Jahresverlauf feststellen, dass er Flächen braucht, um mehr Ware ordern zu können oder, wie es im stationären Handel derzeit vorkommt, um nicht abverkaufte Ware zu lagern, werde Group7 diese Flächen anbieten können. Borghoff rechnet allerdings damit, dass es zum Jahresende hin generell zu einer Verknappung der Lagerflächen kommen wird. "Die Ware ist bestellt, sie kommt also auch. Die große Frage wird sein, wie der Abverkauf aussehen wird", sagt er.

Die Flächenknappheit hat zu einem weiteren Anstieg der Lagermieten geführt. "Wenn man die Möglichkeit hat, auf der grünen Wiese zu bauen, ist das aufgrund der niedrigen Kapitalkosten heute teilweise schon günstiger, als eine Bestandsfläche zu mieten", sagt Neumeier von Logivest. Und Rosenbohm von Segro meint: "Die kontinuierliche Steigerung bei den Mieten wird sich im nächsten halben Jahr, vielleicht sogar noch länger, weiter beschleunigen." Er begründet das zum Teil mit gestiegenen Bodenpreisen. Aber er mahnt bei den Mieten auch zur Vorsicht: "Viele Händler haben in der aktuellen Situation eine Rezessionsangst. Da muss man aufpassen, dass man den Bogen nicht überspannt."

© SZ vom 05.12.2020
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