Lehman Brothers Freitag, 12. September 2008

Freitag, 12. September 2008

Morgens um neun bevollmächtigt die Barclays-Führung ihr Management, die Due Diligence bei Lehman einzuleiten. Lohnt es sich, Lehman zu übernehmen? Das Barclays-Management präsentiert zwei Übernahme-Szenarios - in beiden wird der Wert der Lehman-Aktie auf fünf Dollar taxiert - die Aktie hatte am Morgen allerdings bei 3,84 Dollar eröffnet.

Klar ist aber: Barclays will ein Schnäppchen machen. Darum trifft sich Barclays-Präsident Robert Diamond später mit Fuld. Er machte ihm klar, dass es "keine Transaktion zum Marktpreis geben würde". Es handele sich um eine Rettungsaktion, das heiße, dass die Übernahme höchstens zu einem "sehr, sehr reduzierten Preis" abgewickelt werden könne.

In der größten Not bleibt immer noch Zeit, um über Gehälter zu reden: Darum gibt es um 17 Uhr eine besondere Telefonkonferenz: Es geht darum, was mit den Vergütungen für einige Vorstände im Falle eines Lehman-Verkaufs oder eines Bankrotts passieren würde.

Hässliche Werte

Freitagabend: Die Zuversicht wächst: Lehman-Präsident Herbert Bart McDade wird von seinen Kollegen gedrängt, die Verhandlungen mit der BoA zu verlassen und an den Diskussionen mit Barclays teilnehmen. Der trifft sich sofort mit Diamond von der Barclays Bank. McDade wird später sagen: "Zu diesem Zeitpunkt war es klar, dass [Diamond] den Kauf der ganzen Bank erwog".

Vielleicht wollte er es so sehen, denn die BoA bricht die Due Diligence ab. Die Großbank kommt zum Schluss, dass Lehman die Bewertung der Geschäftsimmobilien viel zu hoch angesetzt hat. Schlimmer noch: Das Analyseteam macht in den Büchern Vermögenswerte in Höhe von 65 bis 67 Milliarden Dollar aus, die die BoA noch nicht einmal geschenkt haben möchte. BoA-Chef Lewis ist überzeugt, dass die Übernahme sich nicht lohnt, solange die Regierung nicht hilft, diesen Berg an unerwünschten Vermögensgegenständen loszuwerden.

Für Fuld wird es eng: Er versucht einige Male an diesem Abend Lewis zu erreichen. Doch der nimmt nicht ab. Trotzdem glaubt Fuld nicht, dass das Geschäft mit der BoA scheitern könnte.

33 Liberty Street, ein Steinklotz im Palazzo-Stil - es ist der Sitz des New Yorker Ablegers der Notenbank Federal Reserve. Um 18 Uhr treffen sich hier die Vertreter von zwölf führenden Investmentbanken mit Finanzminister Paulson. Es ist eine illustre Runde, darunter Vikram Pandit von der Citigroup, Jamie Dimon von JP Morgan, John Mack von Morgan Stanley, Lloyd Blankfein von Goldman Sachs und John Thain von Merrill Lynch.

Lehmänner sind nicht eingeladen worden. Paulson macht klar, worum es geht: Die Regierung werde kein Geld für die Rettung von Lehman zur Verfügung stellen. Jetzt sei es an der Bankindustrie, eine Lösung zu finden - der Zusammenbruch von Lehman hätte schließlich weitreichende Konsequenzen.

Unterdessen lädt das Lehman-Board Harvey R. Miller ein, den späteren Insolvenzverwalter der Bank. Miller sagt der Führungsspitze, dass "ein Bankrott eine sehr schlechte Option" sei. Lehman-Rechtschef Russo behauptet zu gleichen Zeit, dass "die Federal Reserve Interesse habe", die Bank "geordnet abzuwickeln und einen Bankrott zu vermeiden".

Am Ende dieses Tages kalkuliert Lehman, dass nach Überweisung von fünf Milliarden an JP Morgan sich die verbleibende, schnell verfügbare Liquidität auf weniger als zwei Milliarden Dollar beläuft.

Die Lehman-Aktie verliert fast 14 Prozent auf 3,65 Dollar.