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Leerverkauf-Verbot in Krisenstaaten:Widerstand gegen den Spekulanten-Sturm

Die Politik schlägt zurück. Um die Turbulenzen an den Börsen einzudämmen verbieten die Marktaufseher einiger Staaten wie Italien und Frankreich sogenannte Leerverkäufe, mit denen Spekulanten auf fallende Kurse setzen. Denn diese Deals verstärken den Abwärtstrend an den Finanzmärkten, so die Kritik. Wie funktionieren Leerverkäufe? Wo liegen ihre wahren Risiken? Und: Ist ein Verbot klug?

Chaos an den Finanzmärkten: Erst die Euro-Schuldenkrise, dann der US-Schuldenstreit, die US-Abwertung - und nun verstärken zweifelhafte Gerüchte den Abwärtstrend an den Börsen. Vor allem französische Banken sind von übler Nachrede betroffen. Die Reaktion der staatlichen Börsenaufseher in mehreren Ländern Europas: Sie gehen gegen spekulative Geschäfte mit sogenannten Leerverkäufen vor. Zockerei auf Basis von Mutmaßungen und bewussten Falschmeldungen soll so unterbunden werden. Aber was bedeutet das - und was sind Leerverkäufe genau? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Händler an der Frankfurter Börse

Panik an der Börse: Europäische Staaten gehen nun gegen Leerverkäufe vor.

(Foto: dpa)

[] Wie funktionieren Leerverkäufe? Die Grundidee des sogenannten short selling ist, von fallenden Kursen profitieren zu können. Der Trick: Ein Investor leiht sich von einem Anleger gegen eine geringe Gebühr eine Aktie aus. Er verkauft diese zu einem bestimmten Preis an einen anderen Investor weiter, zum Beispiel für 100 Euro. Zu einem festgelegten Zeitpunkt kauft er sie von einem anderen Marktteilnehmer zurück. Wenn nun der Kurs zum Beispiel auf 80 Euro gefallen ist, hat er mit der geliehenen Aktie 20 Euro Gewinn gemacht (und dafür nur die geringe Leihgebühr zahlen müssen). Es handelt sich also im Prinzip um eine Wette: So ein Geschäft macht man nur, wenn man sicher ist, dass der Aktienkurs fällt. Wenn man Pech hat, steigen die Kurse, und der Leerverkäufer muss die Aktie zum höheren Preis zurückkaufen.

[] Worin unterscheiden sich gedeckte und ungedeckte Leerverkäufe? Es gibt zwei Arten von Leerverkäufen: gedeckte und ungedeckte. Letztere werden auch "nackte" genannt, weil der Verkäufer quasi nackt ist: Er hat die Papiere zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht mal geliehen. Das ist möglich, weil es erst nach einigen Tagen eine Lieferpflicht für die Papiere gibt - bis dahin müssen die Händler den Rückkauf abgeschlossen haben.

[] Welchen Sinn haben Leerverkäufe? Eigentlich sind sie ein defensives Werkzeug: Mit Leerverkäufen sichern sich Marktteilnehmer gegen Verluste ab. "So kann zum Beispiel ein Fonds sein Eigenkapital schonen", sagt Fondsexperte Ulrich Stockheim.

[] Warum sind Leerverkäufe problematisch? Short selling ähnelt den CDS, den Kreditausfallversicherungen, die in der Finanzkrise in Verruf geraten sind. Denn das Shorten kann zur Spekulationswaffe werden. Finanzwissenschaftler Max Otte sagt, in einer Krise könne man einfach "durch Kursabstürze mehr gewinnen" - er kritisiert seit langem die "Spekulationswirtschaft". Die Gefahr des Leerverkaufs hat sich jüngst am Beispiel der französischen Bank Société Générale gezeigt. Als Gerüchte über Probleme des Geldhauses aufkamen, rutschte die Aktie ab. Dass Anleger in Panik geraten und ihre Aktien verkaufen, kommt vor. Wenn allerdings Spekulanten am Markt auftreten, die von fallenden Kursen profitieren, wird es kritisch - vor allem, wenn sie Gerüchte in Umlauf bringen, die den Kurs einer Aktie drücken. Das sei seiner Bank passiert, sagt Société-Générale-Chef Frederic Oudea. Die Gerüchte über eine baldige Pleite seien aber "absoluter Müll".

[] Ist ein Verbot klug? Viele Anleger und Investoren halten Short Selling für ein wichtiges Werkzeug. Fondsexperte Stockheim über ein Verbot: "Man schüttet das Kind mit dem Bade aus, denn mit einem Verbot beraubt man auch seriöse Anleger dieses Instruments."

[] Wer sind die wichtigsten Leerverkäufer? Wer momentan wie viele Aktien leerverkauft, ist schwer nachzuvollziehen. Immer wieder werden Hedge-Fonds als Urheber genannt, die riesige Summen shorten und so Aktien oder gar ganze Währungen in einen Abwärtsstrudel reißen. Denn anders als klassische Aktienfonds dürfen Hedgefonds sich auch solcher Geschäfte bedienen. Berüchtigt wurde Investor George Soros, der 1992 am "schwarzen Mittwoch" eine Milliarde Dollar verdiente - indem er mit Leerverkäufen auf einen Fall des britischen Pfunds wettete. Dieser Druck trug wesentlich dazu bei, dass die Währung tatsächlich nachgab und Großbritannien das Pfund von Europas anderen Währungen entkoppeln musste. Max Otte argumentiert allerdings, dass auch große Anlagegesellschaften und normale Aktienfonds Leerverkäufe ausnutzen. Über solche Fonds kann auch der Privatanleger mit seinem Geld beteiligt sein, womöglich ohne es zu wissen. Aktiv mitspekulieren kann der Normalbürger in Deutschland allerdings nicht. Für Leerverkäufe muss er sich qualifizieren und zertifizieren lassen.

[] Welche Länder wollen Leerverkäufe verbieten, wo sind sie schon untersagt? Neu geplant ist ein Verbot in Frankreich, Italien, Spanien und Belgien - das kündigte die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) nach den Gerüchten um die Société Générale an. Die französische Aufsicht AMF will Leerverkäufe für die Aktien von elf Banken und Versicherern für 15 Tage verbieten, darunter Société Générale, BNP Paribas und Crédit Agricole. Ähnlich ist die Lage in den drei anderen Ländern. Schon am Montag hatte Griechenland Leerverkäufe verboten. Allerdings geht Europa nicht geschlossen vor - gegen ein Verbot sind unter anderem die Niederländer. Es preschen also jene Staaten vor, deren Banken besonders stark unter Druck sind. Für viele andere war schon die Finanzkrise der Auslöser für Verbote; die USA stellten 2005 Regeln für die nackten Verkäufe auf und verschärften sie 2008. Ebenfalls untersagt oder eingeschränkt sind Leerverkäufe bereits in Großbritannien, Frankreich, Australien, Kanada, Taiwan, Portugal, Irland und Österreich.

[] Wie geht Deutschland mit Leerverkäufen um? Jahrelang wurden Deutschlands Finanzmärkte dereguliert, doch nach der Finanzkrise setzte ein Umdenken ein. Im Mai 2010 verfügte die Bundesregierung, dass Finanzakteure Aktien, Kreditversicherungen und Staatsanleihen selbst besitzen oder leihen müssen, bevor sie damit handeln dürfen. Das ist ein umfassendes Verbot ungedeckter Leerverkäufe. Außerdem gilt eine Meldepflicht für gedeckte Leerverkäufe von Aktien der zehn wichtigsten deutschen Banken und Versicherungen. An diesem Freitagmittag sprach sich das Bundesfinanzministerium dafür aus, ein solches Verbot in ganz Europa einzuführen; nur so könne der zerstörerischen Spekulation überzeugend begegnet werden. Dem widersprach allerdings die Finanzaufsicht (BaFin): Sie sehe keinen Grund, das bestehende Verbot in Deutschland auszuweiten. "Wir beobachten die Marktentwicklung sehr genau, sehen derzeit aber keine Auffälligkeiten", sagte eine Sprecherin.

[] Werden die neuen Verbote helfen? Experte Otte hält die zweiwöchigen Verbote für einen sinnvollen ersten Schritt: "Man entfernt einen Brandbeschleuniger." Aber: "Man ändert nichts grundsätzlich." Langfristig sei eine Finanztransaktionssteuer nötig, außerdem müsse der Staat die Marktteilnehmer zwingen, mit mehr Eigenkapital am Markt einzukaufen - denn mit fremdem Kapital ist die Versuchung größer, die riskantere Strategie zu wählen.

[] Lassen sich die Verbote umgehen? Es gibt auch andere Wege, auf sinkende Kurse zu setzen. Etwa durch den Kauf einer Put-Option. Dabei sichert sich der Käufer das Recht, eine Aktie zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem Festpreis zu verkaufen mit dem Hintergedanken, sie dann am Markt billiger zu erwerben und die Differenz einzustreichen. Solche Papiere werden in vielen Bankfilialen angeboten.

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