bedeckt München -2°

Kriminelle Strukturen:Die Spur der Blutdiamanten

Der illegale Handel mit Edelsteinen aus Krisengebieten nimmt wieder zu. Vor allem in Afrika profitieren davon skrupellose Machthaber - die Selbstregulierung der Branche ist gescheitert.

Silvia Liebrich

Sie funkeln verführerisch und üben eine beinahe magische Anziehungskraft aus. Der Mythos vom unvergänglichen Diamanten, er lebt. Selbst die Wirtschaftskrise scheint ihm wenig anhaben zu können. Der härteste unter den Edelsteinen ist nach wie vor der Star in den Auslagen der eleganten Juweliere in Paris, London und New York.

Diamantenschürfer in der Marange-Mine in Zimbabwe. Machthaber Robert Mugabe ließ den Stollen Ende 2008 gewaltsam räumen.

(Foto: Foto: AP)

Doch das Image der wertvollen Steine ist alles andere als makellos. Gerade einmal zehn Jahre ist es her, da sorgten Berichte über den Handel mit Blutdiamanten weltweit für Aufsehen und Entsetzen.

Sie kamen vor allem aus Afrika, wo selbsternannte Warlords und korrupte Diktatoren mit den Edelsteinen Bürgerkriege und ihren aufwendigen Lebensstil finanzierten - Machenschaften, die innerhalb eines Jahrzehnts Millionen Menschen das Leben kosteten. Im Zentrum des schmutzigen Geschäfts standen Länder wie Angola, Liberia, Sierra Leone, Zimbabwe und die Kongo-Region.

Reformen greifen nicht

Seit einigen Jahren bemüht sich die Branche, das Problem in den Griff zu bekommen. Doch es zeigt sich immer deutlicher, dass die mit dem Kimberley-Abkommen angestoßenen Reformen nicht greifen.

Diese Vereinbarung wurde 2003 von mehr als 70 diamantenfördernden Ländern unterzeichnet und sollte helfen, den Handel mit Konfliktdiamanten zu unterbinden. Nach Beobachtungen von Global Witness ist das jedoch nicht gelungen. Die Menschenrechtsorganisation geht davon aus, dass der Handel in den vergangenen drei Jahren sogar wieder zugenommen hat.

Die Vereinten Nationen (UN) stellten vor kurzem fest, dass trotz verschärfter Kontrollen nach wie vor große Mengen an Diamanten aus afrikanischen Krisengebieten über Israel auf den Weltmarkt gelangen.

Deshalb steht auch Israel in der Kritik. Vor allem, weil das Land laut UN wenig Bereitschaft zeigt, die kriminellen Strukturen zu bekämpfen. Dass ausgerechnet Israel 2010 den Vorsitz im Kimberley-Prozess übernehmen wird, werten Kritiker als Zeichen, dass die Sanktionen gegen den illegalen Diamantenhandel auf absehbare Zeit nicht verschärft werden.

Das Bild vom seriösen Geschäftsmann

Der Handel mit Diamanten aus Kriegsgebieten beschäftigt seit vergangenem Sommer auch ein UN-Sondertribunal in Den Haag. Der Mann, der sich dort verantworten muss, heißt Charles Taylor und ist der frühere Präsident des kleinen westafrikanischen Landes Liberia.

Zur Prozesseröffnung erschien er im dunklen Maßanzug. Einstecktuch, Hemd und Krawatte saßen perfekt. Doch das Bild vom seriösen Geschäftsmann täuscht. Die Liste der Vorwürfe gegen ihn ist lang. Die Anklageschrift umfasst 30.000 Seiten.

Taylor werden brutale Verbrechen im Nachbarland Sierra Leone vorgeworfen. Der ehemalige Präsident Liberias soll jahrelang Rebellen unterstützt haben, um dort die Diamantenförderung zu kontrollieren. Seine Söldner zogen raubend und mordend durchs Land. Sie hackten ihren Opfern Gliedmaßen ab, vergewaltigten Frauen, entführten Kinder und machten sie zu Soldaten.

Mehr als tausend Karat

Taylor gab zu Protokoll, er habe von alldem nichts gewusst. Doch die Beweislast scheint erdrückend. Zeugen schilderten vor Gericht, wie die Diamanten von Liberia aus nach Europa geschleust wurden. Hilfe leisteten Edelsteinhändler aus dem Libanon und Israel. Ein Urteil gegen Taylor wird nicht vor Mitte 2010 erwartet.

Der Fall Sierra Leone wurden weltbekannt durch den Hollywood-Film "Blood Diamond", der 2006 in die Kinos kam und die Geschichte eines weißen Diamantenschmugglers erzählt.

Der ehemalige Söldner freundet sich mit einem einheimischen Fischer an, der zur Arbeit in den Minenfeldern gezwungen wird und dabei einen seltenen rosafarbenen Hochkaräter findet - eine Geschichte mit einem wahren Kern.

Mugabe spielt wichtige Rolle

Im April 2002 kursierten Gerüchte, dass ein riesiger Diamant die Grenze von Sierra Leone passiert habe. Mit mehr als tausend Karat soll es sich dabei um den zweitgrößten, je entdeckten Diamanten gehandelt haben. Wenige Wochen später hieß es, der Stein sei in Belgien aufgetaucht. Offiziell wurde er jedoch nie registriert.

Als ergiebige Quelle für illegal geschürfte Diamanten gilt bis heute die Kongo-Region. Im Geschäft mit geschmuggelten Steinen spielt nach Erkenntnissen der UN, der Behörden in den USA und der Europäischen Union der Machthaber Zimbabwes, Robert Mugabe, eine wichtige Rolle.

Er und seine Anhänger betreiben offenbar seit Jahren eine schwunghaften Handel mit Konfliktdiamanten aus Zentralafrika - für den Potentaten eine bedeutende Einnahmequelle, seitdem sich internationale Kapitalgeber zurückgezogen haben.

Die Zeitung El Pais und der Journalist John Calin folgten der Spur des Geldes. Sie belegten mit Dokumenten und Zeugenaussagen, die auch den Kongress in Washington beschäftigten, wie das Geschäft ablief und wer beteiligt war. Ein US-Abgeordneter bezeichnete die Regierung Zimbabwes als "kriminelle Organisation", die nur den Interessen Mugabes diene.

Im Visier der UN

In Zeugenaussagen aus dem Umfeld Mugabes taucht immer wieder der Name eines Geschäftsmannes aus Oman auf: Thamer Al Shanfari, Miteigentümer der Gesellschaft Oryx Natural Resources, die Minen im Kongo betreibt, ihren Hauptsitz aber auf den Cayman-Inseln hat.

Das Unternehmen war bereits vor einigen Jahren wegen zweifelhafter Geschäfte ins Visier der UN geraten. Der Mann aus Oman gilt als Schlüsselfigur in Mugabes Diamanten-Monopoly. Er soll nicht nur in Europa das notwendige Bargeld beschafft haben - angeblich von Diamanten- und Waffenhändlern aus Israel und dem Libanon - , sondern auch für einen reibungslosen Transfer des Geldes nach Harare gesorgt haben.

Während ein Teil in den Kongo weitergeleitet wurde, landete der andere in den Taschen Mugabes und seiner Anhänger.

Der Kreis schließt sich

Abgewickelt wurde die Geldübergabe den Angaben zufolge auf dem Landsitz Al Shanfaris, etwas außerhalb von Harare. Während man gemeinsam beim Dinner saß, wurden die Geldbündel diskret in den Autos der Gäste verstaut. Die Zeugen gaben weiter an, dass ein Teil davon direkt ins Haus von Mugabes Ehefrau Grace geliefert wurde, die berüchtigt ist für exzessive Shoppingtouren und ihren luxuriösen Lebensstil.

Der andere Teil des Geldes, der das Land gleich wieder an Bord eines Privatjets verließ, war laut den Aussagen für einen belgischen Diamantenhändler im Kongo bestimmt. Er lieferte die Rohdiamanten, die meist noch mit derselben Maschine nach Harare ausgeflogen wurden.

Was nun folgte, war wohl der schwierigste Teil der Transaktion. Von Al Shanfari angeheuerte Männer mussten die Steine nach Südafrika schmuggeln, also in ein Land, das selbst über große Diamantvorkommen verfügt. Einer der Zeugen bestätigte, das bei jedem dieser Trips Diamanten im Wert von mindestens einer halben Million Dollar verschoben wurden. Empfänger war demnach eine Tarnfirma in Johannesburg, hinter der ebenfalls der Geschäftsmann aus Oman stand.

Ganz legaler Verkauf

Dort wurden Zertifikate ausgestellt, die den Konfliktdiamanten aus dem Kongo eine südafrikanische Herkunft bescheinigten. Von hier aus traten sie die Reise nach Europa an, wo sich der Kreis schloss. Al Shanfaris Partner und Geldgeber nahmen dort die Ware in Empfang und konnten sie ganz legal verkaufen.

Die Geschäftspraktiken von Oryx Natural Resources alarmierten auch die Behörden in Amerika und Europa. Die US-Regierung setzte die Firma Mitte 2008 auf eine schwarze Liste von Unternehmen, die mit dem geächteten Mugabe-Regime Geschäfte betrieben. 2009 verhängte die EU Sanktionen. Die Konten des Minenbetreibers wurden eingefroren.

Das Beispiel Zimbabwe zeigt auch, mit welchen Fehlern der Kimberley-Prozess von Anfang an behaftet war. So wurden etwa nur Diamanten aus Rebellenhand vom legalen Handel ausgeschlossen, nicht aber Steine von Helfershelfern oder staatlichen Initiatoren. Länder wie Mozambique, die als Durchgangstation für Schmuggelware gelten, hatten das Abkommen erst gar nicht unterzeichnet.

Gewaltsame Räumung

Ausgenommen von Sanktionen sind auch Regierungen, die in den Diamantengebieten ihrer Länder selbst Gewalt anwendeten. Auch dafür ist Zimbabwe ein Beispiel. Ende 2008 ließ Mugabe von seinen Soldaten das Gebiet der Marange-Mine im Osten des Landes gewaltsam räumen.

Zweihundert Schürfer wurden dabei getötet. Auf dem 2000 Hektar großen Gelände sind Diamanten dicht unter der Erdoberfläche zu finden, so dass sie leicht abzubauen sind. Mugabe verschaffte sich mit Hilfe des Militärs die Kontrolle über das Abbaugebiet.

Als sich die Mitglieder des Kimberley-Abkommens vergangenen November in Namibia trafen, ließen sie die Chance verstreichen, ihr Regelwerk zu verschärfen.

Obwohl Zimbabwe und vor allem Regierungschef Mugabe offenbar tief in illegale Diamantengeschäfte verwickelt sind, konnten sich die Teilnehmer nicht zu Sanktionen durchringen. Harte Strafmaßnahmen hatten zuvor nicht nur Menschenrechtsorganisationen, sondern auch der Branchendachverband World Diamond Council gefordert. Kritiker wie die kanadische Organisation PAC halten den Versuch der Diamantenproduzenten, eine wirksame Selbstregulierung zu erreichen, daher für gescheitert.

© SZ vom 02./03.01.2010/pak
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema