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Klimakrise:Grün und krumm

Englischer Garten

Englischer Garten in München: Gegen die Hitze wappnen sich Städte am besten mit Frischluftschneisen und Grünflächen.

(Foto: Martin Siepmann/SZ Photo)

Großstädte heizen sich stärker auf als Siedlungen auf dem Land. Angesichts des Klimawandels müssen Stadtplaner und Architekten umdenken. Experten fordern, neue Grünflächen und Seen zu schaffen.

An heißen Sommertagen steht in vielen Großstädten die Hitze in den Straßenschluchten. Die Menschen gehen wenn möglich nur kurz vor die Türe und eilen von kühlem Raum zu kühlem Raum. Angesichts der Erderwärmung müssen Stadtplaner umdenken, damit das Leben in den Städten im Sommer auch in Zukunft erträglich bleibt. Dafür müssen sie derzeit übliche Bauweisen hinterfragen, aber auch bei Neubauten stärker berücksichtigen, welche Folgen diese für die Temperaturen in der Stadt haben. Architekten sind gefordert, die geschickt die Vorteile verschiedener Materialien kombinieren und die Physik berücksichtigen.

Viel Zeit bleibt nicht. Wissenschaftler der ETH Zürich haben veranschaulicht, wie warm es bereits 2050 in Großstädten weltweit werden wird. Basis ist die Annahme, dass bis zu diesem Zeitpunkt die durchschnittliche Erwärmung der Erde 1,4 Grad Celsius beträgt - ein eher optimistisches Szenario. In München herrschten dann Bedingungen wie heute in Mailand und Turin. London würde nicht mehr wochenlang im Regen versinken, im Gegenteil, es müsste wahrscheinlich sogar Wasser importieren. Denn dort ginge es dann zu wie heute in Istanbul und Barcelona. Die Spanier müssen Wasser zukaufen, um die Versorgung zu gewährleisten. Es geht folglich nicht nur ums Wohlbefinden der Bevölkerung, sondern auch ums Geld.

Grundsätzlich gilt: Die Stadtbevölkerung leidet stärker als die Menschen auf dem Land, denn Städte heizen sich stärker auf. Weniger Grün, höhere Gebäude, ein engmaschiges, dunkles Straßennetz, Klimaanlagen, Verkehr und vieles mehr tragen dazu bei. In Städten mit Mangel an bezahlbarem Wohnraum wird zusätzlich nachverdichtet, mehr und höher auf die gleiche Fläche gebaut. Das heizt diese Städte noch weiter auf.

Viele Stadtbewohner leiden bereits heute unter Hitzestress

Forscher des Instituts für Raumordnung und Entwicklungsplanung der Universität Stuttgart haben die Situation in Ludwigsburg untersucht. Dort klagen bereits heute mehr als drei Viertel der Menschen über eine hohe gesundheitliche Belastung durch Hitze in der Innenstadt und im öffentlichen Personennahverkehr. "Neue Ansätze sind erforderlich, um Hitzestress sowie Risiken für besonders anfällige Bevölkerungsgruppen zu mindern und die Lebensqualität der europäischen Stadt zu erhalten", sagt Institutsleiter Jörn Brinkmann.

New Yorks Bürgermeister preschte dieses Jahr mit der Forderung vor, Glasfassaden bei Wolkenkratzern zu verbieten. Die Fassaden ließen zu viel Wärme durch. Im Sommer müssten die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen, im Winter die Heizungen. Glas reflektiert Licht aber auch. Stehen auf beiden Seiten einer Straße Hochhäuser mit geraden Glasfassaden, wird so ein Teil des Lichts dazwischen hin- und hergespiegelt und so auf die Straße weitergeleitet. Dort erwärmt es den Asphalt.

Eine Möglichkeit zur Abhilfe wäre, gebogene Fassaden zu errichten. Ein Beispiel ist das Gebäude 20 Fenchurch Street London. Hier mussten Lamellen nachträglich Reflexionen unterbinden. Die gekrümmte Architektur hatte reflektiertes Sonnenlicht so gebündelt, dass Kunststoffteile an geparkten Autos auf der Straße schmolzen. "Vielleicht ist das ein unglückliches Beispiel, aber wenn schon, dann sollten Gebäude Sonnenstrahlung zurück ins All reflektieren", sagt Franz Damm, Mitglied im Vorstand der Bayerischen Architektenkammer in München.

Auch auf Windverhältnisse sollten Stadt- und Gebäudeplaner achten. So leiten Windfänger den Wind durch Gebäude und kühlen dadurch. Innenhöfe wirken wie Kamine und transportieren warme Luft nach oben weg. "Es ist eher sinnvoll, die Physik zu nutzen, als Energie für Klimaanlagen zu verwenden", erklärt Damm. Denn die bringen oft Wärme aus den Häusern hinaus in die Stadt.

Wichtig sind auch Einfallschneisen für eine kühle Brise. Wenn große Häuserriegel genau in der Hauptwindrichtung stehen, blockieren sie den Wind. Stattdessen sollte kühle Luft vom Land gezielt in die Straßen der Städte geführt werden. "Frischluftschneisen" nennt Damm solche Elemente im Stadtplan: "Enge Straßenzüge kanalisieren die Luft zusätzlich."

Ebenfalls wichtig sind ausreichend Grünflächen. Laut Birkmann empfinden Menschen die Hitze in Parks und Gärten erträglicher. "Daher ist es zwingend erforderlich, in Wohngebieten kühlende Grünflächen und blaue Infrastruktur wie Seen zu schaffen", betont er.

Wasser verdunstet. Das kühlt Körper und Luft. Damm rechnet vor, dass ein Baum pro Quadratmeter und Jahr 500 Liter Wasser verdunstet, Rasen zwischen 300 und 400 Litern: "Daher sollten wir unnötig versiegelte Flächen vermeiden und beispielsweise Parkplätze stapeln oder unter die Erde verlegen." Ganze Straßenzüge, die heute seitlich zugeparkt sind, könnten dann Grünstreifen erhalten. Die technische Entwicklung ist weit genug, um den Pflanzen gezielt Oberflächenwasser zuzuführen. Statt Schlagregen über die Kanalisation abzuleiten, kann er in Pufferspeichern in den Grünanlagen gesammelt werden.

Weiterer wichtiger Punkt ist für Damm, beim Bau von Gebäuden das richtige Material einzusetzen. Holz speichert weniger Energie als Beton und Stein. Das bedeutet, im Sommer entziehen Beton und Stein der Umgebungsluft Wärme und geben sie nachts wieder ab. Der Architekt fordert daher, verschiedene Materialien zu kombinieren. So könnte ein Gebäude auf der Westseite eine massive Beton- oder Steinwand haben, die Wärme von der Abendsonne speichert und nachts wieder abgibt. Eine große, verschattete Glasfassade an der Südfront lässt tagsüber Licht rein und im Winter, wenn die Sonne tiefer steht, auch Wärme. Die Ostwand hingegen besteht aus gut dämmendem Holz. Damm erklärt: "Das wirklich Smarte liegt daran, physikalische Eigenschaften der Materialien zu nutzen statt technisch gegenzusteuern, wenn man sie nicht genutzt hat."